: Bernhard Pressler-Seisser
: Kiste, Bett und Feuerstelle Von den Räumen, ihrem Wesen, ihren Aufgaben und ihrer Ausstattung
: myMorawa von Dataform Media GmbH
: 9783991106111
: 1
: CHF 2.60
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: Lexika, Nachschlagewerke
: German
: 216
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
LEBENS-Raum - Gestaltung Wie beim Kochen heißt es auch hier: '...Man nehme einen italienischen Architekten aus der Renaissance und einen Modeschöpfer aus dem 20. Jahrhundert und...' Einen Architekten und einen Modeschöpfer zum Einrichten??? Ja! Andrea Palladio hat vor mehr als 500 Jahren mit seinen Büchern zur Architektur wesentlich mehr geleistet, als der Nachwelt seine Säulenordnung zu erhalten. Ganz zu Beginn seiner Arbeit sagt er, es brauche die Beständigkeit in der Baukonstruktion, den Nutzen in der Größe und Anordnung der Räume, die Annehmlichkeit der praktischen Anordnung der Zimmer und ihrer Einrichtung und die Schönheit, die dem eigenen Auge schmeicheln und im Gast Bewunderung hervorrufen soll. Ohne diese Eigenschaften wäre kein Bauwerk lobenswert. Und der Modeschöpfer? Karl Lagerfeld, der sich selbst stets als einfachen Handwerker mit Stoffen verstand, warnte davor, einfache Dinge ohne Schmuck, Pomp und Zierrat billig zu nennen und trat für eine Art der Gestaltung ein, die die eigene Persönlichkeit zeigt und es nicht notwendig hat zu blenden. Dieses Buch versucht eine Brücke zwischen funktionaler Notwendigkeit und gestalterischer Freiheit in der Ausstattung von Räumen zu bauen. Der Titel möchte zum Nachdenken über die Frage anleiten und motivieren, was es denn braucht zum Leben und wie man diese Dinge so gestalten könnte, dass sie den Bedingungen der Schönheit und Annehmlichkeit Palladios genauso Rechnung tragen, wie der Ansicht Lagerfelds, dass es nicht der Preis der Materialien ist, die ein Stück wertvoll und schön machen, sondern die Anwesenheit einer gestalterischen Idee, die das Wesen des Objektes mit dem Wesen der Person, die es benutzt so verwebt, als hätte sie nie etwas Anderes getragen. Ich möchte Sie hier einladen, mich auf der Suche nach Lösungsansätze für die Errichtung dieser gestalterischen Brücke zu begleiten.

Ich wurde 1970 in Graz geboren. Nach einem äußerst abwechslungsreichen Berufs- und Ausbildungsweg sowie vielen Reisen in unterschiedlichste Regionen der Erde, erfolgte 2010 die Meisterprüfung für Tischlerei und erste Gehversuche im Bereich Erstellung und Gestaltung von Sachbüchern und Kursunterlagen . Seit nun mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich intensiv mit den Grundlagen des Möbeldesigns sowie den Quellen und der Entwicklung des Möbelbaus und der Frage, wie sich Zweckbindung und die Konzeption, Gestaltung und Planung gegenseitig beeinflussen. Seit September 2019 leite ich Kurse zu diesen Themen an der Volkshochschule Graz. Ab September 2020 habe ich die Ehre, eine Reihe von Gastvorträgen zu ausgewählten Themen an der Tischler - Meisterklasse des WIFI-Graz halten zu dürfen. Bei beiden Gelegenheiten möchte ich den Teilnehmer/Innen nicht nur theoretisches Hintergrundwissen und praktische Fertigkeiten, sondern vor allem Neugier, Experimentierfreude und ganz allgemein die Begeisterung für die Gestaltungsmöglichkeiten unseres Lebensraums weitergeben.

zu ebener Erde…

Ein Überblick

Abbildung 8-Raumaufteilung EG

Darüber, dass der Vorraum zum Eingangsbereich gehört, besteht ja kein Zweifel, aber wie sieht es mit den anderen Räumen aus; oder besser: WARUM sind sie dort?

Dazu möchte ich noch einmal die Tabelle mit den Räumen und ihren Aufgaben bemühen und ihnen die Frage stellen, ob ihnen bei den angeführten höchst unterschiedlichen Räumen dennoch etwas auffällt; ein verbindender Faktor?

Und ? Was ist all diesen Räumen (außer dem unteren Teil des Schlafzimmers) gemeinsam?

Exakt: Sie sind sowohl für „Fremde“, wie auch für die Bewohner selbst zugänglich wohingegen der Zugang zu den anderen Bereichen „kulturell reglementiert“ ist. In diese Räume kommen somit nur Menschen, die das Vertrauen der Bewohner besitzen und/oder einen anderen persönlichen Bezug haben. Je persönlicher ein Lebensbereich wird bzw. ist, desto eher werden wir ihn versuchen zu schützen und ab zu schirmen, da natürlich auch die Gefahr des „Ausgeliefert-Seins“ nicht nur physisch steigt, je näher wir Menschen an uns herankommen lassen.

Diese Idee mag zwar auf den ersten Blick nicht viel zu den Gestaltungstechniken für Möbel oder Räume hergeben; entscheidet aber letztendlich über die Auftragsvergabe, da wir es grundsätzlich niemanden erlauben, unsere Ängste, Wünsche, Hoffnungen, Schwachstellen und heimlichen Begehren anderen auf dem Silbertablett zu präsentieren.

Der Vorraum

Abbildung 10 – Vorraum Dimensionierung

Der Vorraum ist wie das Medley eines musikalischen Themas eine „Zusammenfassung“ resp. eine „Vorstellung“ der Bewohner und ihrer Lebensweise. Das gilt sowohl für das Betreten der Wohnung sowie beim Verlassen. Bei letzterem handelt es sich um eine thematische Verabschiedung. Das gilt für die Bewohner wie für Gäste.

Die baulich-strukturelle Einteilung richtet sich nach der Grundfunktion des Raumes als „Transitzone“ zwischen Umwelt und Lebensraum für die Bewohner sowie als ersten Empfangsbereich für Gäste. Für die Bewohner ist es beim Betreten wie das Einlaufen eines Schiffs in seinen Heimathafen. Es hat zwar noch nicht angelegt, befindet sich aber bereits (durch Küstenwache und Hafenmeisterei) in einem „sicheren“ Terrain mit vertrauten Strukturen und Abläufen. Bleiben wir noch kurz bei der Hafenmetapher. Damit das Schiff anlegen und Passagiere wie Waren von Bord lassen kann, braucht es technische Grundstandards. Das gleiche gilt für den Vorraum.

Als Transitzone zwischen Umwelt und eigenem Lebensraum braucht es sowohl einen Platz, um sich (den Witterungsbedingungen entsprechend) beim Verlassen an und aus zu kleiden; eine Garderobe, als auch Platz, um Gepäck (Handtasche, Koffer, Einkaufskorb und andere Dinge) für das Vorhaben außerhalb der Wohnung bereit zu stellen und dann mit zu nehmen bzw. bei der Ankunft abstellen zu können, um die Straßenkleidung ab zu legen. Folgende Tabelle fasst diese Überlegungen zur funktionalen Grundausstattung eines Vorraums zusammen:

Hier sind die Fragen für Planung und Fertigung:

Welchefreie Mindestgangbreite istin Durchgangsbereichen erforderlich?

Was ist dieideale Befestigungshöhe bei Mantelhaken für Erwachsene?

WelcheLänge soll manfür einen Erwachsenenschuh annehmen?

Wenden wir diese Vorgaben auf unseren Vorraum an, so könnten wir den Raum wie folgt einteilen:

Abbildung 11-Vorraum/Dimensionierung 2-Verkehrswege

Die Frage, warum so viel Wert auf die Einhaltung der „Verkehrswege“(Durchgangsbreiten- und lichten) gelegt wird, hat den praktischen Grund, dass es möglich sein muss, sich ungestört bewegen zu können und nicht über irgendetwas zu stolpern oder sich irgendwo zu stoßen. Es gibt allerdings auch eine baurechtliche Grundlage, die sich mit Möglichkeiten des Verlassens der Wohnung im Fall von Gefahren durch Feuer, Wasser oder Bauwerksmängel beschäftigt und das im Baugesetz unter dem BegriffBrandschutz undFluchtwege wie folgt formuliert:

III. Abschnitt2

Brandschutz

§ 49

Allgemeine Anforderungen

Bauwerke müssen so geplant und ausgeführt sein, dass der Gefährdung von Leben und Gesundheit von Personen durch Brand vorgebeugt sowie die Brandausbreitung wirksam eingeschränkt wird.

§ 53

Fluchtwege

(1) Bauwerke müssen so geplant und ausgeführt sein, dass bei einem Brand den Benutzern ein rasches und sicheres Verlassen des Bauwerkes möglich ist oder sie durch andere Maßnahmen gerettet werden können.

(2) Bauwerke müssen Fluchtwege im Sinne des Abs. 3 aufweisen, soweit dies unter Berücksichtigung des Verwendungszweckes, der Größe und der Anwendbarkeit von Rettungsgeräten für ein rasches und sicheres Verlassen des Bauwerkes erforderlich ist.