: Theresa Révay
: Die weissen Lichter von Paris Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641260507
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
Der große Bestseller aus Frankreich. So bewegend wie „Anna Karenina“

Paris in den 20er Jahren: Gräfin Xenia trägt die russische Seele in ihrem Gesicht – stolz, geheimnisvoll, berückend schön. Ein einzigartiges Gesicht in der glamourösen Modewelt, das auch der deutsche Fotograf Maximilian nicht vergessen kann. Xenia aber flieht vor ihren Gefühlen, zu sehr haben Trauer, Armut und Leid ihr Leben geprägt, seit sie vor der Revolution aus Russland fliehen musste. Jahre später begegnen sich die beiden unter dramatischen Umständen wieder. Wird Xenia erkennen, dass es die große Liebe nur einmal im Leben gibt?

Leidenschaft und bewegendes Schicksal in der dramatischsten Epoche des 20. Jahrhunderts.

Theresa Révay, 1965 in Paris geboren und aufgewachsen, studierte französische Literatur an der Sorbonne. Sie veröffentlichte ihren ersten Roman mit Anfang zwanzig. Danach arbeitete sie viele Jahre als Übersetzerin und Gutachterin für verschiedene französische Verlage. „Die weißen Lichter von Paris“ ist ihr dritter Roman in deutscher Übersetzung. Momentan schreibt Theresa Révay an einer Fortsetzung.

Petrograd, Februar 1917

Das Glück hat nichts für die Halbherzigen übrig. Es will herausgefordert und errungen werden, kurz gesagt man muss es sich verdienen wie den Orden des heiligen Georg auf dem Schlachtfeld. Und natürlich sah sich Xenia Fjodorowna Ossolin als Eroberin.

Der Krieg dauerte fast schon drei Jahre und wollte kein Ende nehmen. Von der Ostsee bis zur Donau fielen die Russen zu Zehntausenden. Da war die Aussicht eher gering, dass ein gewisser junger Offizier der kaiserlichen Garde zu ihrem Geburtstagsdinner kommen würde; aber sie hatte trotzdem nicht gezögert, ihm eine Einladung zu schicken. Und als sie keine Antwort erhielt, hatte sie bei ihm zu Hause angerufen, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich Heimaturlaub hatte. Ihre Mutter wäre entsetzt gewesen.

Xenia drückte die Nase ans Fenster. Sie hauchte auf die Doppelscheibe, wie sie es als Kind getan hatte, und malte ein Gesicht darauf. Ob sie wohl Geduld lernen würde, wenn sie älter wurde? Die paar Demonstranten, die um die Kirche der Gottesmutter von Kazan herumliefen, würden ihr jedenfalls ihr Fest nicht verderben.

Mit einem Knall fiel die Eingangstür zu, und im Vestibül ließ sich die tiefe Stimme ihres Vaters vernehmen. Sie kannte jede Nuance darin und begriff gleich, dass er verärgert, ja vielleicht sogar zornig war. Xenia stellte sich vor, wie er seinen dicken Mantel auszog und sich schüttelte wie ein Bär; dann hörte sie, wie er mit seinem ungleichmäßigen Schritt den Raum durchquerte, um in sein Arbeitszimmer zu gehen. Auf dem Parkettboden zog er das rechte Bein nach, die Folge einer Kriegsverletzung.

Xenia fuhr herum und ließ den Blick durch den Salon schweifen. Sie hatte keine Lampe angezündet. Hoch aufgerichtet und ruhig stand sie in der Dunkelheit des Spätnachmittags in ihrem langen Rock aus grauem Wollstoff und der weißen Hemdbluse mit dem plissierten Kragen da. Sie hatte sich einen Schal über die Schultern gelegt. Immer noch nahm sie den beißenden Geruch der Desinfektionsmittel aus dem Lazarett wahr, in dem sie bei der Pflege der Verwundeten half. Dort vertraute man ihr keine verantwortungsvollen Aufgaben an, denn mit ihren fünfzehn Jahren betrachtete man sie als zu jung für eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ansonsten hätte sie es allerdings mit eiternden Wunden oder Verletzungen an delikaten Körperstellen zu tun bekommen. Doch beim Verbinden, dem Desinfizieren der chirurgischen Instrumente oder wenn es darum ging, die Moral der Soldaten zu stärken, war ihre Hilfe willkommen.

Die Pendeluhr maß tickend die Minuten. Im Raum ließen sich die beruhigenden Umrisse von Diwanen und Sesseln erahnen. Das junge Mädchen schloss die Augen und ließ vor ihrem inneren Auge die Anordnung des Mobiliars erstehen – der persischen Teppiche, der Spiegel, der Konsole mit den Sphinxköpfen, der runden Tischchen aus Rosen- und Amaranthholz und der Stühle mit den geschnitzten Ornamenten. An den Wänden hingen Gemälde von Meistern; eine Sammlung, die in der guten Gesellschaft der Stadt berühmt war. Wie ein flüchtiges Gespenst hätte sie zwischen den hellen Möbeln aus karelischer Birke hindurchgleiten und die emaillierten Bilderrahmen, die auf dem Flügel aufgestellt waren, oder die Sammlung von Tabakdosen berühren können. Sie kannte den großen S