1. Was ist das überhaupt – eine Grenze?
„Seit ich die Grenze, die man mir setzte, nicht mehr anerkenne, nicht mehr als Grenze erlebe, spüre ich erst, wie stark ich bin ... wie grenzenlos ich sein kann.“
– Kristiane Allert-Wybranietz –
1.1 Der Versuch einer Definition
Jedes Mal, wenn wir eine Grenze ziehen, erschaffen wir einen neuen möglichen Gegner, eine Gefahr! Wir erschaffen ein weiteres Feld, das es
zu kontrollieren und zu verteidigen gilt.
Bereits eine Definition (lateinischdefinitio = Abgrenzung) ist eine Form der Grenzziehung, denn sie grenzt einen Begriff von einem anderen ab, macht ihn unterscheidbar von ähnlichen Begriffen. Es geht also um ein Sichtbarmachen von Anfang und Ende. Auch der österreichischer Philosoph Konrad Paul Liessmann stellt in einem Interview mitbrand eins fest: „Ohne Grenzen wäre nichts wahrnehmbar“ (Link, 2013). Und der Sozialpsychologe Harald Welzer schreibt dazu: „Grenzen geben … dem Menschen Orientierungssicherheit“ (Werres, 2018). Etwas endet und etwas anderes beginnt: Eine Grenze ist also immer auch eine „Kampflinie“, die Linie, an der wir möglicherweise Gefährlichem begegnen. Für unser Unbewusstes ist alles, was als fremd wahrgenommen wird, auch immer erst einmal eine Bedrohung, und wir stellen uns vorsichtshalber auf einen möglichen Kampf ein.
Der Philosoph Ken Wilber führt das weiter aus:
„Wir spalten unser Gewahrsein künstlich in Abteilungen auf: Subjekt / Objekt … – eine Trennungsregelung, die zur Folge hat, dass ein Erleben das andere einschneidend stört und das Leben sich selbst bekämpft. Das Ergebnis ist einfach Unglücklichsein, auch wenn man ihm viele andere Namen gibt. Das Leben wird zum Leiden, von Kämpfen erfüllt. Aber all diese Kämpfe, die wir erleben – unsere Konflikte, Ängste, Leiden und Verzweiflungen – werden durch die Grenzen verursacht …“
(2008, Seite 7)
Gibt es eine allgemeingültige Aussage darüber, wo die Grenze einer Person „verläuft“? Ist die Haut eine allgemeingültige Grenze? Die Menschen sind sich einig, dass die Haut eine Grenze darstellt, die für andere unbedingt zu respektieren ist. Aber reicht uns das? Eine Berührung von Fremden empfinden wir in der Regel als grenzüberschreitend. Nur: Welche Grenze haben sie denn überschritten? Begann sie 20 Zentimeter vor meinem Körper oder reagiere ich schon alarmiert, wenn ein 80-Zentimeter-Abstand überschritten wird?
Die meisten Menschen sagen zudem „mein Körper“, also ist das gefühlte Ich nicht gleichbedeutend mit meinem Körper: Ichhabe einen Körper, aber ichbin nicht mein Körper. Und tatsächlich empfinden einige ihren Körper als etwas Fremdes und Feindseliges. Sie kämpfen mit ihrem Körper und gegen ihn wie gegen einen Widersacher. Wenn sie eine Grenze zwischen „Ich“ und „dem Körper“ ziehen, dann ist der Körper außerhalb des Ich und daher potenziell gefährlich. Er kann mich verraten und gegen meine Interessen handeln.
Oder geht es bei der Grenzziehung um unseren Besitz, um den wir – um es für alle deutlich zu kennzeichnen – einen Zaun ziehen? Dann wären Grenzen ziemlich beliebig oder sogar Glückssache, denn wir besitzen unterschiedlich viel. Auch einen An