: Bernd Gomeringer, Jessica Sänger, Ulrike Sünkel
: Vögel im Kopf Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher
: S.Hirzel Verlag
: 9783777628998
: 1
: CHF 19.60
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: Psychologie, Esoterik, Spiritualität, Anthroposophie
: German
: 280
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wie lebt es sich mit einer Depression, mit Angst- und Panikattacken, mit Ess-, Brech- oder Magersucht? Mit Suizidgedanken? Mit Zwangshandlungen? Und wie erleben das Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer und Betreuer? Ein anrührend-bewegendes Buch über das Leben mit einer seelischen Erkrankung, über den Alltag in der Kinder- und Jugendpsychiatrie - und über die Kraft der Hoffnung und Zuversicht. Ein Aufklärungsbuch. Ein Buch, das Mut macht.

Bernd Gomeringer ist ehemaliger Banker, arbeitet seit 30 Jahren mit Kindern und Jugendlichen und schafft es immer wieder, beide Bereiche miteinander zu verbinden.

Magersucht im Kinderzimmer


Die Zeit, in der meine Schwester ganz langsam begann, stiller und dünner zu werden, fiel in unsere Sommerferien in Griechenland. Diese jährliche Reise zum Haus meiner Tante auf der Halbinsel Peloponnes ist ein wichtiger Teil unserer Kindheit und Jugend, geprägt von Traditionen wie einem täglichen Schoko-Shake in der Strandbar und einer Zitronenlimonade zu jedem Abendessen. Es war das Jahr, in dem wir zum letzten Mal in unseren gemeinsamen Sommerurlaub fuhren. Das Jahr, in dem eine Tradition, die seit unserer Geburt angehalten hatte, durch die Krankheit meiner Schwester jäh unterbrochen wurde.

Statt Schoko-Eis vom Kiosk zu essen wurden Kalorien gezählt, das stundenlange Faulenzen auf der Luftmatratze durch Bahnenschwimmen ersetzt. Jede Wanderung zu antiken Tempeln glich plötzlich einem Fitnesscamp. Ich war die Erste, die Gretas Veränderung bemerkte, denn ich kannte meine Schwester gut genug, um zu wissen, dass sie sehr mit sich selbst und ihrem Körper haderte. Bereits einige Wochen vor der Reise stellte ich fest, dass sie ihr Pausenbrot nicht mehr aß und bei den Süßigkeiten nach dem Mittagessen keine mehr nahm. Später sagte Greta, sie hätte sich auf Griechenland gefreut, da sie die Hoffnung gehabt hätte, dass dort alles wieder normal werden könnte. Dass ihre Gedanken aufhören könnten, ums Essen zu kreisen, und sie sich nicht länger zu dick und zu schlecht fühlen würde. Ihre Hoffnungen blieben unerfüllt. Eines Abends, schon im Bett liegend, vertraute sich Greta beim Gute-Nacht-Sagen unserer Mutter an. Von da an, meint meine Mutter heute, sei sie nicht mehr dieselbe gewesen. Schlaflos lag sie seit jener Nacht wach, unfähig, die Angst um ihre jüngere Tochter zu verdrängen.

Wir stritten viel während dieser Ferien, und fortan jeden Tag: über Essen und wie viel davon, über dünne Arme, über exzessiven Sport. Am liebsten hätte ich meine Schwester geschüttelt. Sie daran erinnert, wie verächtlich wir immer über das Bestreben gelächelt hatten, einem albernen Schönheitsideal zu entsprechen. Ich nannte sie mädchenhaft, damals die schlimmste Beleidigung zwischen uns. Sie ignorierte es und aß wieder keinen Nachtisch. Ich schlug vor, sie könne nun bei Germany’s Next Topmodel mitmachen, und sie hörte gänzlich auf mit mir zu sprechen. Greta war nicht zu erreichen. Lediglich unserer Mutter gegenüber öffnete sie sich. Das tat sie flüsternd und hinter verschlossenen Türen, was zu neuen Konflikten führte. Die Familie spaltete sich langsam. Es gab Mama, Gretas Verbündete, die sie vor den verständnislosen Kommentaren der restlichen Familie schützte und sie in Watte packte, um nicht auch noch den Zugang zu ihr zu verlieren. Ich stand auf der anderen Seite, ausgeschlossen von ihren Tuscheleien in der Küche, und kompensierte dieses Gefühl der Ausgrenzung mit Provokation und Sticheleien gegenüber meiner Schwester. Der Freund meiner Mutter, der sonst viel Zeit mit uns verbracht hatte, blieb nun lieber in seiner eigenen Wohnung, da er die endlosen Streitereien nicht ertrug. Mein Vater und seine neue Frau waren zunächst durch die separate Wohnsituation weniger involviert. Doch unsere Besuche bei ihnen wurden unregelmäßiger. Wenn wir dann doch mal zum Abendessen k