1Eine Ereignistheorie
Als ich drei Jahre alt war, verlor ich meine Gehfähigkeit. Zuerst traten die Probleme ganz allmählich auf: Mal fiel es mir schwer, aufzustehen, mal verlor ich das Gleichgewicht. Aber bald wurde es immer schlimmer. Schon kurze Entfernungen wurden schwierig, und Schrägen oder Treppen waren beinahe unmöglich zu überwinden. An einem Freitagnachmittag im April 1990 brachten meine Eltern mich und meine versagenden Beine ins Royal United Hospital in der Stadt Bath. Am nächsten Morgen wurde ich von einem Neurologen untersucht. Sein erster Verdacht war, die Ursache des Problems könne ein Rückenmarktumor sein. Es folgten mehrere Tage mit diagnostischen Tests: Röntgenaufnahmen, Blutproben, Nervenstimulation und eine Lumbalpunktion, um Rückenmarksflüssigkeit zu entnehmen. Als die Ergebnisse vorlagen, wurde eine andere Diagnose gestellt: Ich litt unter einem seltenen Krankheitsbild, das als Guillain-Barré-Syndrom (GBS) bekannt ist. Dieses Syndrom ist nach den französischen Neurologen Georges Guillain und Jean Alexandre Barré benannt und wird auf eine Störung des Immunsystems zurückgeführt. Anstatt meinen Körper zu schützen, hatte mein Immunsystem begonnen, meine Nerven anzugreifen, wodurch sich eine Lähmung breitmachte.
Manchmal liegt alle menschliche Weisheit in den Worten »Harren und Hoffen«, wie es der Schriftsteller Alexandre Dumas einmal ausgedrückt hat.[9] Und das sollte meine Behandlung sein: Abwarten und Hoffen. Meinen Eltern wurde eine bunte Luftrüssel-Tröte gegeben, um damit meinen Atemdruck zu testen (damals gab es noch keinen für Kleinkinder geeigneten Heim-Atemtester). Wenn der Rüssel der Tröte sich nicht entrollte, wenn ich hineinblies, hätte das bedeutet, dass die Lähmung die Muskeln erreicht hätte, die Luft in meine Lungen pumpten.
Es gibt ein Foto aus jener Zeit, das mich auf dem Schoß meines Großvaters zeigt. Er sitzt im Rollstuhl. Er hatte sich im Alter von 25 Jahren in Indien mit Kinderlähmung (Polio) infiziert und konnte seither nicht mehr gehen. Ich hatte ihn immer nur so gekannt, wie er mit seinen starken Armen seine unkooperativen Beine im Rollstuhl durch die Gegend fuhr. In gewisser Hinsicht machte mir sein Zustand meine eigene ungewohnte Situation vertraut. Doch das, was uns verband, trennte uns auch. Wir hatten die gleichen Symptome, doch die Folgen seiner Kinderlähmung waren permanent; GBS ist dagegen, ungeachtet all seines Elends, in der Regel eine vorübergehende Erkrankung.
Also warteten wir ab und hofften. Der Rüssel entrollte sich jedes Mal, wenn ich in die Tröte pustete, und ganz allmählich wurde ich wieder gesund. Meine Eltern erzählten mir, die Buchstaben »GBS« stünden für »getting better slowly«. Es dauerte zwölf Monate, bis ich wieder gehen konnte, und weitere zwölf, bis ich laufen konnte, mehr schlecht als recht. Mein Gleichgewichtssinn war dann noch jahrelang gestört.
Als meine Symptome allmählich nachließen, verblichen auch meine Erinnerungen an die Erkrankung. Diese Ereignisse rückten in immer weitere Ferne, blieben zurück in einem anderen Leben. Heute kann ich mich nicht mehr daran erinnern, dass meine Eltern mir immer eine Süßigkeit gaben, bevor die nächste Spritze kam. Oder dass ich mich später weigerte, etwas Süßes zu naschen – selbst an normalen Tagen –, weil ich Angst davor hatte, was dann kommen würde. Auch meine Erinnerungen d