Gegen jede Vernunft:
Der Streit ums Impfen
und die Folgen
»Braucht mein Kind wirklich den Masernschutz?« – Erfahrungen aus der Kinderarztpraxis
Ausgangssperren, Reisewarnungen, überfüllte Intensivstationen – das Coronavirus SARS-CoV-2 hat innerhalb weniger Wochen die Bevölkerung und Wirtschaft in einen existenziellen Ausnahmezustand katapultiert. Alle Hoffnung liegt nun darin, einen Impfstoff zu entwickeln, der vor dem Virus schützt. Angesichts dieser weltweiten Katastrophe scheint kaum vorstellbar, dass es Menschen gibt, die den Impfschutz kategorisch ablehnen. Impfskeptiker, Impfgegner, Impfverweigerer – die Grenzen sind fließend zwischen denen, die Nutzen und Risiken von Impfungen hinterfragen, und denen, die sich Argumenten und Fakten verweigern. Erst waren es nur wenige, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, aber inzwischen ist daraus eine Szene erwachsen, die sich lautstark Gehör verschafft. Und sie sorgt für Verunsicherung. Gerade bei Eltern, die sich besonders genau informieren wollen, um bei ihrem Nachwuchs alles richtig zu machen.
Das erlebt auch der Berliner Kinderarzt Jakob Maske in seiner Praxis. Er ist der Arzt, dem die Kinder vertrauen. Wenn es wehtut, wenn sie Angst haben – bei Jakob Maske werden sie schnell ruhig. Maske ist seit 20 Jahren Kinderarzt, und seine Praxis in Berlin-Schöneberg ist voll. Aber seit ein paar Jahren hat sich etwas verändert, zunächst schleichend. Maskes Praxis liegt nahe einem typischen Neuberliner Kiez, ein erst vor Kurzem erschlossenes Wohngebiet am Gleisdreieck. Schick, teuer, zentral. Die Klientel, die hergezogen ist, ist jung, netz-affin und stellt hohe Ansprüche – auch für die eigenen Kinder soll es nur das Beste sein. Kritisches Hinterfragen gehört zum guten Ton, alles Etablierte muss erst auf den Prüfstand, natürlich auch die etablierte Medizin. Wenn der Arzt ein Medikament verschreibt, heißt das noch lange nicht, dass es eingenommen wird. Wenn er dringend zu einer Impfung rät, ist es vielleicht trotzdem falsch. Die »Generation Google« informiert sich lieber woanders.
»Die Eltern kommen deutlich kritischer zu uns, anders als vor zehn Jahren«, sagt Maske. »Das kostet uns viel mehr Zeit, ordentlich zu beraten.« Er spricht für den Verband der Berliner Kinder- und Jugendärzte. Das Problem sei die Flut an Falschinformationen im Internet. Die Eltern kommen verunsichert in seine Praxis, und es braucht viele Erklärungen. Die Erfahrung des Kinderarztes: »Wir bemerken, dass die Eltern sehr schlecht informiert sind, falsch informiert, und wir haben dadurch einen sehr viel höheren Beratungsaufwand.« Dem Arzt zu vertrauen, spielt da fast keine Rolle mehr. Die neue Instanz ist das Netz. Und das kann wirklich gefährlich werden. Vor allem, wenn es ums Impfen geht. Dreizehn Impfungen in den ersten zwei Lebensjahren empfiehlt die Ständige Impfkommission Stiko, aber den Kinderarzt kostet es manchmal