2. Bindungstheorie und -wissenschaft als Modell therapeutischer Veränderung
„Lebenslang bleibt die Verfügbarkeit einer responsiven Bindungsperson die Quelle unseres Sicherheitsgefühls. Von der Wiege bis zur Bahre fühlt sich ein jeder von uns am wohlsten, wenn sich unser Leben als eine Aneinanderreihung längerer oder kürzerer Exkursionen gestaltet, die ihren Ausgang von der sicheren Basis nehmen, die unsere Bindungspersonen uns vermitteln.“
– John Bowlby (1988, S. 62)
„Abgesehen von den biologischen Wohltaten positiver Beziehungen bleibt auch unsere Psyche eher veränderbar, wenn sie sich anderen Psychen verbunden fühlen kann. Wenn wir einen Zeugen haben, werden unsere Spiegelneuronen und die der Theory of Mindzugrunde liegenden Schaltkreise aktiviert, und dies schärft nicht nur unsere Selbstwahrnehmung und unsere Wahrnehmung anderer Menschen, sondern stärkt gleichzeitig unsere Identität.“
– Louis Cozolino und Vanessa Davis (2017, S. 58)
Bowlby verbrachte den Großteil seines Lebens damit, die Grundlagen menschlicher Bindungen und die Art und Weise zu beschreiben, wie solche Bindungen eine optimale Entwicklung und Ausgewogenheit in unseren engsten Beziehungen fördern oder aber Dysfunktionen begünstigen. Weil diese Aufgabe durchaus lebensfüllend war, fand er kaum Zeit, um seine Arbeit in eine systematische Theorie der therapeutischen Intervention zu übersetzen. Er war allerdings überzeugt, dass der durch eine erfolgreiche Therapie eingeleitete Veränderungsprozess in Erfahrungen einereffektiven Abhängigkeit einmündet, die zur Klärung, Kohärenz und Anpassung der „Arbeitsmodelle vom Selbst und von anderen“ beitragen und auf diese Weise das Potenzial stärken, positive zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Die durch die Therapie veränderten Modelle bilden fortan die Basis eines integrierten prozeduralen Schemas, einer automatischen „Wenn-dies-dann-das“-Anleitung, mit deren Hilfe wir die eigene innere und äußere Welt emotional und mental auf eine Weise konstruieren können, die der Offenheit für neue Erfahrungen und der Neugier ebenso zuträglich ist wie einer flexiblen Responsivität und Bindungsfähigkeit. Bowlby betonte, dass die Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen aufzunehmen und enge Bindungen zu entwickeln, das verlässlichste Barometer unserer Gesundheit sei. So schrieb er: „Die Fähigkeit, eng vertraute Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, sei’s in der Rolle des Fürsorgesuchenden oder in der Rolle des Fürsorgespendenden, wird als Hauptmerkmal einer stabilen Persönlichkeit und der psychischen Gesundheit betrachtet“ (1988, S. 121). Indes führte die ursprüngliche Formulierung der Bindungstheorie nicht aus, wie Psychotherapeuten ihren Klienten dabei helfen können, Leid und Fehlregulationen zu bewältigen, um eine solch stabile Persönlichkeit und die Fähigkeit, sich im Umgang mit anderen offen und responsiv zu verhalten, zu entwickeln.
In einer seiner letzten Schriften erklärte Bowlby (1988), dass die Therapie Klienten helfen solle, ihre dynamischen prozeduralen Schemata oder Modelle zu überprüfen und umzustrukturieren. Demnach hat der Therapeut fünf Aufgaben zu erfüllen: (1) Er stellt seinen Klienten eine sichere Basis zur Verfügung, d. h. eine „haltende Umwelt“, in der sie ihr Leiden erforschen können. (2) Er hilft seinen Klienten dabei zu untersuchen, wie ihr Umgang mit Beziehungen die Situationen beeinflusst, die für sie schmerzhaft sind. (3) Er hilft seinen Klienten, die Beziehung zum Therapeuten zu ergründen, in der sich i