TEIL EINS
Sonntag, 29. März 2015
Lena
Ich glaube an den Liebesrausch. Ich glaube an den Sog der Lust. Ich glaube an das Verlangen nach tiefster Verbundenheit. Ist die geballte Ladung einmal da, nimmt sie uns ein. Unser Tun, unseren Alltag und unser Herz. Pures Liebesglück lässt einen hoch fliegen. Sehr hoch sogar. Bis zu dem Tag, an dem man in die Tiefe stürzt. Dann, wenn die Liebe in Stücke gerissen wird und zerfällt. So schnell und unverhofft wie sie gekommen ist. Zurück bleibt ein Stück Leere. Enttäuschung. Vielleicht eine Form von Trauer. Vielleicht aber auch die Angst vor dem Loslassen, dem Neubeginn und vor der Einsamkeit. Zwischenmenschliche Liebesgeschichten werden oft überbewertet. Sie existieren, so wie wir sie uns wünschen, nur in unseren Vorstellungen. Niedergeschrieben für kitschige Hollywoodfilme und schnulzige Romane. Um uns jedes verdammte Mal erneut hoffen zu lassen.
Ich bin Lena. 32. Single. Ein gutes halbes Jahr sind wir getrennt. Lars und ich. Und ich hätte schwören können, über ihn hinweg zu sein. Über den Mann, der mich vergangenen Herbst gegen eine zehn Jahre jüngere Frau eingetauscht und nicht ein einziges Mal um mich geweint hat. Heute präsentiert Lars seine Neue an seiner Seite in der Bar «Upndown», als ich mit meiner Freundin Sandy da bin. Ich ducke mich wie ein ängstliches, kleines Mäuschen, als die beiden das Lokal betreten. Lars soll mich auf keinen Fall sehen. Mit seinem stolzen Blick scheint er der ganzen Welt zu erklären, dass er ja offensichtlich keine andere Wahl hatte, als mich für dieses Objekt der Begierde zu verlassen. Dabei sieht er auch noch so verdammt gut aus. Noch besser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ich würde ihn sofort zurücknehmen. Um ehrlich zu sein: sogar für eine Nacht. Zum Glück hat meine Freundin Sandy die Situation im Griff und bezahlt sofort unsere Getränke. Rasch flüchten wir aus dem Lokal.
Sandy will mich an die Seite eines richtigen Mannes bringen. Einen, der mich heiratet und mit mir eine Familie gründet. So wie sie es getan hat.
«Ich meine es doch nur gut mit dir», sagt sie, während ich bei diesem Thema jedes Mal die Augen verdrehe.
Seit wir uns während der Ausbildungszeit kennengelernt haben, ist sie mir eine treue Wegbegleiterin. Sie hört mir zu und gibt mir dadurch das Gefühl, wichtig zu sein. Aber was meint sie mit «gut»? Was genau ist denn «gut» für mich? Und wieso um Himmels willen wissen das andere immer besser als ich selbst?
Es ist nach Mitternacht. Ich liege in meinem Bett und kann nicht schlafen. Und dies, obwohl ich morgen meine neue Arbeitsstelle als Journalistin antrete und ein paar Stunden Schönheits- und Erholungsschlaf mit Sicherheit äusserst wertvoll wären. Aber meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich knipse das Licht wieder an, nehme mein Handy vom Nachttisch und betrachte die neue Freundin von Lars auf Facebook. Carina. Ich klicke mich durch ihre Profilfotos und suche nach Fehlern. Irgendetwas muss doch auch an ihr nicht ganz so makellos sein. Aber ich finde nichts. Ihre Augen mit den traumhaft langen Wimpern lächeln mir erbarmungslos entgegen. Mit ihren jungen zwanzig Jahren scheint sie alles zu kriegen, was sie will. Auch meinen Lars. Mit diesem Gedanken weine ich mich in den Schlaf.
Montagmorgen, 30. März 2015
Lena
Sechs Uhr. Der Wecker schrillt erbarmungslos. Ich schrecke hoch, lasse mich aber sofort wieder fallen. Nur langsam beginnen meine Hirnzellen zu ar