KAPITEL I
Nero spielte und sang zu Ehren der »Herrscherin von Cypern« eine Hymne, die er selbst gedichtet und in Musik gesetzt hatte. Diesen Tag war er bei Stimme und bemerkte, daß die Musik die Zuhörer in der Tat fesselte. Dieses Bewußtsein verstärkte die Kraft der Töne, die seiner Brust entquollen, derart und schmeichelte ihm so, daß er wie gottbegeistert erschien. Schließlich wurde er vor innerer Erregung bleich. Es war gewiß das erste Mal in seinem Leben, daß er nicht nach dem Beifalle der Anwesenden verlangte. Er saß eine Zeitlang mit gesenktem Haupte da, die Hände auf die Zither gestützt, dann erhob er sich plötzlich und sagte: »Ich bin ermüdet und bedarf der frischen Luft. Stimmt inzwischen die Zithern.«
Nach diesen Worten legte er ein seidenes Tuch um den Hals.
»Ihr begleitet mich,« sagte er, zu Petronius und Vinicius gewendet, die in einer Ecke des Saales saßen. »Du, Vincius, gib mir den Arm, denn ich fühle mich schwach, und Petronius kann mich über Musik unterhalten.«
Sie traten zusammen auf die mit Alabaster gepflasterte und mit Safran bestreute Terrasse des Palastes hinaus.
»Hier atmet es sich freier,« sagte Nero. »Meine Seele ist bewegt und ernst gestimmt, obgleich ich weiß, daß ich mit der Hymne, die ich euch soeben zur Probe vorgesungen habe, öffentlich auftreten darf und daß dies ein Triumph sein wird, wie ihn noch kein Römer davongetragen hat.«
»Du kannst hier, in Rom und in Achaja auftreten. Ich habe dich aus ganzer Seele und aus voller Überzeugung bewundert, Gottheit!« erwiderte Petronius.
»Ich weiß es. Du bist zu bequem, als daß du dich zu einer Schmeichelei aufraffen solltest. Sage mir, was hältst du von der Musik?«
»Wenn ich eine Dichtung vortragen höre, wenn ich mir die Quadriga, die du im Zirkus lenkst, eine schöne Statue, einen schönen Tempel, ein schönes Gemälde betrachte, so fühle ich, daß ich das Geschaute in seiner Gesamtheit begreife und daß meine Begeisterung allen daraus entspringenden Kunstgenuß bewältigen kann. Höre ich aber Musik, namentlich die deine, dann eröffnen sich vor meinem Geiste immer neue Schönheiten und neue Entzückungen. Ich jage ihnen nach und suche sie festzuhalten, aber ehe mir dies gelingt, fluten immer neue und neue herzu, gleich den Meereswogen, die aus der Unendlichkeit heranbranden. Daher sage ich dir, die Musik gleicht dem Meere. Wir stehen an dem einen Ufer und schauen in die Ferne, aber das andere Ufer ist unseren Blicken verborgen.«
»Ach, welch tiefer Kenner du bist!« rief Nero bewundernd.
Eine Zeitlang schritten sie schweigend weiter, nur der Safran knirschte leise unter ihren Tritten.
»Du hast meine Gedanken ausgesprochen,« sagte endlich Nero, »und daher wiederhole ich immer und immer wieder: du bist der einzige in ganz Rom, der mich verstehen kann. Jawohl! Ich denke über Musik genau so wie du. Wenn ich spiele und singe, so erblicke ich Dinge, von denen ich nie gewußt habe, daß sie in meinem Reiche oder in der Welt existieren. Ich bin der Caesar, und die Welt gehört mir, ich vermag alles. Und doch enthüllt mir die Musik neue Reiche, neue Berge und Meere und neue Genüsse, die ich bis dahin nicht kannte. Häufig kann ich sie nicht benennen, sie mit meinem Denken nicht fassen – ich fühle sie nur. Ich fühle die Nähe der Götter, ich sehe den Olymp. Ein Hauch aus e