Kapitel 1
Kinder und Jugendzeit
Meine frühesten Kindheitserinnerungen gehen zurück in ein einfaches Bauernhaus. Mein Vater stand am Bett meiner kranken Mutter. Er schob mich einfach zur Seite, was ich gar nicht verstehen konnte. Ich wollte doch nur zu meiner Mutti. Ich konnte mit meinen vier Jahren nicht verstehen, dass sie einen Hirnschlag erlitten hatte. Mamma war erst 39 Jahre alt und starb von zehn Kindern weg. Alle hatte sie innerhalb von 13 Jahren geboren. Und dann ist da in meiner Erinnerung auch noch das schlimme Erlebnis bei der Beerdigung, das ich erst recht nicht verstehen konnte. Jemand gab mir Blumen, um sie ins Grab zu legen, doch ich sagte bloss: «Nein, die Blumen bringe ich meiner Mutti nach Hause.» Am Abend weinte ich und wollte solange nicht ins Bett, bis Mama wieder da sei. Einer meiner Brüder, der sicherlich auch sehr litt, sagte ziemlich grob zu mir: «Mama kommt nie mehr nach Hause.» Ganz entsetzt starrte ich ihn an, denn das konnte ich nicht glauben. Da sah ich den traurig verzweifelten Blick meiner älteren Schwester, die mich ins Bett bringen wollte. Schlagartig wurde mir bewusst, dass es Wirklichkeit war, was mein Bruder da sagte. Nun ergriff mich eine bodenlose Verlorenheit. Wo war denn Mama? Warum liess sie uns einfach allein? Ich konnte das alles überhaupt nicht verstehen. Verlassen und in verzweifelter Trauer weinte ich mich in den Schlaf.
Meine älteste Schwester war 14 Jahre alt und besuchte die Schule von nun an nicht mehr. Sie übernahm in ihrem jugendlichen Alter den gesamten grossen Bauernhaushalt. Das war eine gewaltige Aufgabe für sie – und gewiss auch eine unbewusste seelische und körperliche Überforderung. Auch für mich war es nun sehr schwer. Alles hatte sich verändert, ich fühlte mich trotz der vielen Geschwister einsam und alleingelassen. Mein Vater nahm sich meiner an, aber er war in seiner Trauer wie eingeschlossen. Er redete fast nichts und war sehr still. Je mehr sich Vater um mich, die Kleinste von allen, kümmerte, umso mehr fühlte ich mich von den Geschwistern ausgeschlossen. Für mich fühlte sich das an, als ob da ein Riss mittendurch ginge, und ich fühlte mich noch verlorener.
Mit keinem Problem konnte ich zu meinem stillen, wortkargen Vater – denn meistens bekam ich keine Antwort, die mir eine Hilfe gewesen wäre. Dennoch liebte ich ihn sehr.
Ich wurde mehrheitlich von meinen Geschwistern erzogen. Von einigen meiner Brüder bekam ich ein paar Mal ziemlich Schläge, wenn wir irgendwie in Streit gerieten. Sie waren viel älter als ich und wussten wahrscheinlich nicht, wie hart sie zuschlugen. Es war ja niemand da, der sie in die Schranken gewiesen hätte. Deshalb bekam ich einige Male zu spüren, wie schmerzhaft solche Schläge sind. So vermisste ich die Liebe. Vater war still, die Mutter gestorben und die Geschwister waren selber noch Kinder, die ein Gefühl von Wärme und Vertrautheit genauso nötig gehabt hätten wie ich. Auch meine Grosseltern lernte ich nie wirklich kennen. Eine Grosmutt