Vorwort des Übersetzers
Hilaire Belloc (geb. 1870) ist ein englischer Schriftsteller von weitestem Umfange des geistigen Horizonts, von erstaunlicher Vielseitigkeit und Fruchtbarkeit, der in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Intellektueller Außenseiter, der die bequeme Heerstraße des sogenannten gesunden englischen Menschenverstandes und damit jene ungenießbaren Plattheiten verschmäht, unterscheidet er sich von seinen berühmteren englischen Zeitgenossen wie G. K. Chesterton, Wells, Shaw, mit denen er oft verglichen wird, durch die tiefere Bildung, durch seinen Sinn für Romantik im besten Sinne des Wortes, durch eine ungemein schöpferische Imagination, die überall an die festen Bindungen der Vergangenheit anknüpft, durch ein starkes Maß von kulturkonservativer Gesinnung und Verantwortung.
Modern wie kein zweiter im Durchschauen des Wesens und der Bedingungen der westlichen Zivilisation, wurzelt er doch ganz in den Bindungen der geschichtlichen Werte, die seinen Gesichtskreis bestimmen und ihm die Normen, an denen er sich orientiert, liefern.
Ob er, der selbst kurze Zeit Parlamentsmitglied war, aber die Atmosphäre des heutigen englischen Parlaments nicht ertrug, den Verfall des englischen Parlaments schildert und die Rückkehr zu einer starken (aber nicht unbedingt legitimen) Monarchie als das einzige Rettungsmittel Englands erklärt (wozu in England mehr moralischer Mut gehört als im zeitgenössischen Deutschland), oder wenn er, der selbst zwei Zeitschriften herausgab, die Abhängigkeit der großen Presse vom Kapital und Inseratenlieferanten geißelt; ob er, der strenge und gläubige Katholik, die Bedeutung des Glaubens für die europäische Kultur darstellt oder, der Halbfranzose, eine meisterhafte Geschichte der französischen Revolution schreibt und in glänzenden Monographien die geschichtliche Rolle von Danton, Robespierre, Marie Antoinette festlegt; ob er in der anheimelnden Schilderung von Sussex die Bedeutung der römischen Straßen für den Zusammenhalt des römischen Reiches oder in der entzückenden Beschreibung einer Fußwanderung von Südfrankreich nach Rom Menschen und Landschaften schildert; ob er mit erstaunlichen Fachkenntnissen die militärische Geschichte der ersten Monate des Weltkrieges festhält oder in einer glänzenden Satire als orientalischer Erzähler den modernen Engländern einen Spiegel der Verlogenheit vorhält, ja selbst in seinem verfehlten Buche gegen die Juden, das von falschen Voraussetzungen ausgeht – immer ist er – von seinen halbphilosophischen Essaybänden und seinen Versen zu schweigen – kühn und originell in einem Maße, das uns Deutsche besonders anspricht. Um so erstaunlicher, daß dieser glänzende Schriftsteller bei uns nicht Fuß fassen konnte.
Das vorliegende Buch, dessen Kenntnis diese Übersetzung vermitteln soll, scheint zu den weniger gelesenen Schriften Bellocs zu gehören. Seine Übertragung in unsere Sprache schien mir eine nützliche Aufgabe zu sein, nicht einmal so sehr deshalb, um einen bisher unbekannten ausländischen Schriftsteller bei uns einzubürgern, sondern hauptsächlich darum, weil sich an die Darlegungen des Verfassers ein starkes sachliches Interesse knüpft, das mit unserem gegenwärtigen Zustand innerhalb der Welt in engster Beziehung steht.
Die Erlebnisse des Krieges und der Revolution haben sowohl das ganze gesellschaftliche Gefüge und die gesellschaftlichen Ordnungen als auch die Begriffe und Denkformen, mit denen wir das gesellschaftliche Geschehen zu verstehen suchen, gelockert, flüssig, problematisch gemacht. Indem wir als Glieder höherer Gemeinschaften, aber auch als Einzelpersonen immer wieder vor die Existenzfrage gestellt wurden und um das nackte Leben zu ringen hatten, lernten wir wiederelementar zu denken und die vielfach gekünstelten und verwickelten Beziehungen, die Schalen und Hüllen, von dem Wesen, der Substanz der Dinge zu unterscheiden. So hat diese Erschütterung aller Lebensverhältnisse das ei