: Guy Helminger
: Neubrasilien
: capybarabooks
: 9789995943288
: 1
: CHF 14.10
:
: Erzählende Literatur
: German
: 400
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im Frühjahr 1828 macht sich eine Gruppe Luxemburger Landbewohner, darunter die selbstbewusste Bauerntochter Josette, auf den Weg in die Welt. Sie lassen Hab und Gut zurück und schließen sich einem Strom von Auswanderern an, die der wechselnden Herrscher und der schlechten Lebensbedingungen überdrüssig geworden sind. Ihr Ziel: Brasilien. Dort werden Menschen gebraucht, so heißt es, dort könne man neu beginnen. 170 Jahre später, kurz vor der Wende zum 21. Jahrhundert, kommt das Mädchen Safeta mit seiner Mutter und anderen monenegrinischen Flüchtlingen nach Luxemburg. Auch sie haben ihre Heimat aufgegeben und sind einem vagen Versprechen gefolgt. Für keinen von ihnen wird es eingelöst - und doch gibt es für Safeta, die in der Fremde zum Teenager heranwächst, und für Josette, die ihren eigenen Weg findet, wenn auch nicht in Brasilien, kein Zurück mehr in ihr altes Leben.

Guy Helminger wurde 1963 im luxemburigschen Esch/Alzette geboren und lebt seit 1985 in Köln. Er schreibt Gedichte, Romane, Hörspiele, Theater. Für seine Arbeit erhielt er u.a. den Förderpreis für Jugend-Theater des Landes Baden-Württemberg, den Prix Servais, den 3sat-Preis, den Prix du mérite culturel de la ville d'Esch und den Dresdner Lyrikpreis. Darüber hinaus moderiert Guy Helminger zahlreiche Literatur- und Kulturveranstaltungen im In- und Ausland. Bei capybarabooks sind bisher erschienen: Venezuela. Drei Stücke; Rost. Stories; Eng Taass fir d'Nefertiti Nilpäerd. Kannerbuch mat Zeechnunge vum Manuela Olten; Die Allee der Zähne. Aufzeichnungen und Fotos aus Iran. Jockey. Theater; Die Lehmbauten des Lichts. Aufzeichnungen und Fotos aus dem Jemen.

1. Herz der Ferne


-  Wie lange dauert es noch?

-  Wir sind bald da.

-  Ich weiß nicht.

-  Gegen neun Uhr, hat er gesagt. Ankunft gegen neun Uhr.

-  Der sagt doch gar nichts.

-  Doch, hat er.

-  Ich hab noch keinen von denen sprechen hören.

-  Auf den Bergen glänzt jetzt der Schnee. Das habe ich immer gerne gesehen, dieses wilde Funkeln in der Stille dort oben.

-  Da wird irgendwann alles kaputt sein.

-  Aber doch nicht die Berge.

-  Doch, das kriegen die auch noch hin.

-  Wer die?

-  Dumm reden können wir alle.

-  Was ist das?

-  Was?

-  Still. Er hat angehalten.

-  Was?

-  Wir können noch gar nicht da sein.

-  Still.

Als Betty Hoschert den Anruf erhielt, stieg sie gerade aus dem Wagen. Sie schubste die Tür zu, kramte in ihrer Handtasche nach dem Handy, verschloss durch Druck auf den Schlüssel das Auto und ging auf die Tür des Gewerkschaftsgebäudes zu.

»Nee, auf dem Weg zur Arbeit«, sagte sie, »stehe schon davor.« Tatsächlich blieb sie in diesem Moment stehen, als gehorche sie ihren eigenen Worten.

Der Himmel über der Stadt sah dunkel und verregnet aus. Das letzte Licht taumelte über die Häuser, gefiltert durch ein graues Leintuch.

»Ich war den ganzen Tag unterwegs und muss mich noch mit unseren Busunternehmen beschäftigen«, sagte Betty, sog einmal kurz und geräuschvoll Luft durch ihre leicht nach unten gebogene Nase.

Ein Kollege kam aus dem Gebäude, nickte ihr zu, ging an ihr vorbei, während sie sagte: »Schon wieder«, und ihre braunen Haare hinter das linke Ohr schob. Durch die Glastür beobachtete sie der Sicherheitsbeamte. Betty drehte sich um. Der Wind blies ihr kalt ins Gesicht.

»Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht«, sagte sie.

Etwas weiter die Straße hoch stieg ihr Kollege in sein Auto. Die Scheinwerfer leuchteten auf, dann bewegte sich der Wagen langsam nach vorn und wieder zurück, um aus der schmalen Parklücke zu kommen.

»René, es ist fünf durch. Ich war den ganzen Tag auf den Beinen, komme nie rechtzeitig nach Hause, weiß nicht einmal mehr, wann ich mit Jean und der Kleinen zum letzten Mal zu Abend gegessen habe. Ich finde es auch wichtig, ein Zeichen zu setzen, aber heute ist es halt schlecht.«

Betty zog ihre Jacke am Hals zusammen, ging einige Schritte die Straße hoch.

»Komm mir bitte nicht so. Sonst raste ich aus«, erwiderte Betty. Ihr Gesicht straffte sich. Aus dem vorbeifahrenden Auto winkte der Kollege ihr zu.

»Ich weiß, dass das nicht lustig ist, aber mein Leben ist auch nicht lustig. Scheiße. Ich komme vorbei.« Sie legte auf, ließ das Telefon in ihre Handtasche fallen und ging zu ihrem Wagen zurück.

Als sie wenig später am Ortsschild Senningerberg vorbeifuhr, fluchte sie noch einmal, bog in den Kreisverkehr ein, sah einige der Demonstranten vor dem Hotel stehen. Sie rollte auf den Flughafenparkplatz, nahm ihre Tasche vom Beifahrersitz und ging über die Kreuzung zum Menschenpulk vorm Hoteleingang.

»Warum tue ich das?«, sagte sie laut.

Die Bogenlampen, die in runde, Flugobjekten ähnliche Schirme mündeten und alle zwanzig Meter die Straße säumten, warfen Lichtkreise auf den Asphalt.

Vor dem Hotel standen weiße Kleinbusse, von Polizisten bewacht. Auch vor dem Eingang bildeten Uniformierte eine Kette. Die Demonstranten hielten Abstand, aber es lag Unruhe in dieser Distanz, so als wartete jeder Einzelne darauf, endlich handeln zu dürfen. Ihre Atemwolken bildeten Nebe