Neujahr
Was mache ich bloß hier?
Damit meine ich nichthier im britischen Januar, diesem niemals enden wollenden grauen und dunklen Monat, der sich zieht wie Kaugummi. Diese Aneinanderreihung der deprimierendsten Tage des Jahres, die aus bereits aufgegebenen Neujahrsvorsätzen und einem Instagram-Feed bestehen, der vor frohen »Neues Jahr! Tolle neue Projekte!«-Botschaften irgendwelcher Berühmtheiten geradezu überquillt. Dadurch werde ich ganz sicher nicht #inspiriert, und sie animieren mich auch nicht dazu, mir die angepriesenen Fitnessvideos oder Angeberbücher (Entschuldigung, ich meine natürlich gesegneten Bücher) zu kaufen, ganz im Gegenteil, sie bewirken nur, dass ich mich #ueberfordert mit einer Familienpackung Käseflips aufs Sofa fallen lasse.
Nein, ich meinehier im Sinne von im Hier und Jetzt, kurz vor meinem Geburtstag, an dem ich älter als vierzig werde und alles ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Jetzt mal ehrlich, wie kann das sein? Als hätte ich eine Ausfahrt verpasst. Als gäbe es irgendwo einüber vierzig-Ziel, auf das meine Freunde und ich zusteuerten, die Jugend in der einen Hand, die Träume in der anderen, voller Erwartungen und Möglichkeiten. Ein bisschen, wie wenn man im Urlaub aus dem Flugzeug steigt und gemeinsam mit allen anderen über die Rollbänder rauscht, wusch, den Gepäckausgabeschildern folgend, gespannt darauf, was einen hinter der automatischen Tür erwartet.
Aber es sind eben nicht die Bahamas mit ihren tropischen Palmen, das Ziel heißtüber vierzig, und dazu gehören ein liebevoller Ehemann, wunderbare Kinder und ein fantastisches Zuhause.Wusch. Eine erfolgreiche Karriere, gläserne Schiebetüren und Kleidung von Net-a-Porter.Wusch. Glück und Zufriedenheit mit einem erfolgreichen Leben, in dem alles seine Ordnung hat und genauso ist, wie man es sich immer ausgemalt hatte, inklusive eines Instagram-Accounts, in dem es vor #ichbinsofroh- und #ichliebemeinleben-Botschaften nur so wimmelt.
Das Ziel ist nicht – ich wiederhole:nicht – #woistesfalschgelaufen und #waszumteufelistmitmeinemlebenlos?
Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Bett und sehe mich im Zimmer um, mein Blick bleibt an den Umzugskartons in der Ecke und den beiden großen, noch ungeöffneten Koffern hängen. Ich habe immer noch nicht alles ausgepackt. Ich starre sie an, versuche mich aufzuraffen und sinke dann zurück in die Kissen. Das kann warten.
Stattdessen fällt mein Blick auf das neue Notizbuch auf meinem Nachttisch. Gerade erst gekauft. Dem Artikel zufolge, den ich gelesen habe, liegt der Schlüssel zum Glück im Verfassen einer täglichen Dankbarkeitsliste.
Wenn Sie alles aufschreiben, wofür Sie dankbar sind, werden Sie sich insgesamt besser fühlen, negative Denkmuster durchbrechen und Ihr Leben verändern.
Ich nehme das Notizbuch und einen Stift in die Hand und schlage die erste Seite auf. Meine Augen starren auf das weiße Blatt, mein Kopf ist leer.
Wenn Sie ein wenig Inspiration benötigen, hier ein paar Tipps für den Anfang:
Ich atme.
Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein, oder? Atmen? Dankbarkeit schön und gut, aber ohne zu atmen, wäre ich schlicht und einfach tot.
Das inspiriert mich wirklich überhaupt nicht.
Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie nicht gleich wissen, was Sie aufschreiben sollen. Beginnen Sie einfach mit einer Sache, und arbeiten Sie sich langsam zu den fünf Punkten pro Tag vor.
In Ordnung. Ich schreibe einfach das Erstbeste auf, was mir einfällt.
1. Meine Flugmeilen
Okay, das gehört vielleichtnicht ganz zu den gesegneten und spirituellen Dingen, die der Verfasser des Artikels im Sinn hatte, aber Sie wissen ja nicht, wie glücklich ich über die gesammelten Meilen war, als ich letzte Woche zurück nach London geflogen bin.
Zehn Jahre lang habe ich in Amerika gelebt, fünf davon mit meinem Verlobten in Kalifornien. Kalifornien ist einfach großartig. Sonne, so viel das Herz begehrt. Flipflops im Januar. Unser kleines Café mit Buchladen, in das wir unsere gesamten Ersparnisse investiert hatten, mit köstlichem Frühstück und Wänden voller Bücher. Ich war glücklich, verliebt und fre