2. Kapitel
Wie fast immer kam Stella auch heute spät nach Hause und merkte, dass sie zugleich müde und überdreht war. Da würde ein abendlicher Spaziergang nicht schaden. Wozu war sie schließlich an den Stadtrand gezogen? Und stand nicht auch »viel frische Luft« auf einer ihrer vielen To-do-Listen?
In den vergangenen vier Wochen hatte sie jeden Abend eine kleine Runde gedreht. Zwar hatte sie sich immer dazu aufraffen müssen, aber dafür ein neues Ritual für sich entdeckt. Einfach nur langsam gehen. Dabei sprang kein Auftrag raus, keine neue Idee wurde geboren, kein wesentlicher Punkt abgehakt. Sie ging und schwang in unbeobachteten Momenten beide Arme um sich und fühlte sich wohl. Sie spürte sich. Wenigstens einmal am Tag.
Am Fenster des Hauses mit der Nummer eins hockte wie immer der Kater, von dem sie nun wusste, dass er Boris hieß. Unverwandt blickte er sie allabendlich an, fast so, als erwarte er mit wachsender Unerbittlichkeit ihren Rapport, und tatsächlich ließ sie in seiner Gegenwart den Arbeitstag Revue passieren. Verständnisvoll und mit milderem Blick als zuvor wischte er sich dann mit der Pfote über das rechte Auge.
Das Fell um seine Augenpartie war wie mit einem weißen Lidstrich gezeichnet, und unterhalb seines rosafarbenen Näschens vibrierten weiße Bartstoppeln. Sie lächelte und wunderte sich, dass ihr in seiner Gegenwart immer wieder auch schöne Momente einfielen – die hätte sie ohne diese abendlichen Gänge und ohne den Blick des vierbeinigen Pelzbündels ganz vergessen.
Sie unterhielten sich per Gedankenübertragung. Da konnte niemand mithören oder sich gar einmischen.
Boris nickte, als würde er alles verstehen.
Der Hund war groß, hatte einen langen und spitzen Kopf und sah aus, als würde er jeden Tag gekämmt. Und die Frau, die mit ihm an der Bushaltestelle wartete, blickte fast zärtlich auf ihr Haustier hinab. Der Junge kannte diesen Blick. Er hatte ihn nur schon lange nicht mehr gesehen. Seine Mutter hatte ihn auch so angeschaut, doch sein Vater hatte keine Zeit dafür.
Schüchtern trat der kleine Junge ganz dicht an beide heran. Der Hund roch gut. Nach frischem Shampoo und nach leckeren Äpfeln. Die Frau bemerkte das Kind und lächelte. »Willst du ihn mal streicheln?«
Er nickte.
»Er heißt Bruno«, fuhr die Frau fort, und der Junge fuhr fast andächtig über das kurze Rückenfell und die langen Haare an Ohren und Beinen des Tiers. Brunos Schnauze war so braun, als habe er sie in Schokolade getunkt.
Der Bus kam, die Türen öffneten sich automatisch, und Frau und Hund stiegen ein. Bruno drehte sich dabei fragend nach dem Jungen um, und so stieg er auch in den Bus.
Die Frau sah den Knirps an und fragte besorgt: »Bist du etwa ganz allein unterwegs?«
Der kleine Junge nickte. Die Frau fand, dass er ein wenig verloren wirkte, die Fingernägel waren zu lang, die Haare zerzaust, und seine zusammengewürfelte Kleidung machte den Eindruck, als hätte er sie willkürlich aus einer mit Pullovern und Hosen vollgestopften Schublade geholt. Aber sie war sich nicht ganz sicher, ob nicht genau das die neue Mode für Kinder war. Da gab es ja fast jeden Tag einen neuen Trend. Sollte jedoch tatsächlich das der letzte Modeschrei sein, so zeugte er eindeutig von Geschmacklosigkeit. Gut, dass Hunde nicht wie Kinder auf eigene Mod