1. Geburt und Vergessen
„Ein neugeborenes Baby ist wie der Anfang aller Dinge –
es ist Staunen, Hoffnung, Traum aller Möglichkeiten.“
– Eda J. LeShan*
1.1 Wir kommen emotional frei auf die Welt
Wie erlebt ein Fötus seine Geburt? Wir wissen es nicht, können es nicht wissen. Das Neugeborene kann es uns nicht mitteilen. Und wenn es ein paar Jahre später über die Fähigkeit verfügt, zu denken und die Gedanken in Worte zu fassen, kann es sich nicht mehr erinnern. Wenn wir so wenig über die Wahrheit sagen können, arbeiten wir gern mit der Theorie desAls-ob (Vaihinger, 2013). Das ist ein philosophischer Ansatz, bei dem etwas ganz und gar Unrealistisches für einen Moment als wahr unterstellt wird. Das Ziel sind Forschung und Erkenntnisgewinn. In diesem Buch wirst du häufiger die Wirkung der Theorie des Als-ob erleben. Tun wir einstweilen mal so,alsob das Neugeborene uns von seiner Geburt berichten könnte. Dann würde es vielleicht Folgendes sagen:
Das Baby: „So erlebe ich meine Geburt“
„Der Raum, der mich umgibt, ist dunkel und warm. Ich fühle mich schwerelos. Aus der Ferne kann ich Geräusche wahrnehmen, mal lauter und dann wieder leiser. Ich werde sanft geschaukelt. Manchmal spüre ich, wie etwas den Raum um mich berührt. Es fühlt sich sanft an. Alles ist vertraut und sicher, schon seit langer Zeit. Doch heute spüre ich einen Impuls. Ich weiß jetzt, dass die Zeit gekommen ist, diesen Raum zu verlassen. Der Weg führt in einen winzigen engen Tunnel. Ich werde es schaffen, ihn zu durchqueren.
Und jetzt spüre ich auch, dass ich Hilfe bekomme. Eine starke Anspannung, ein Pressen in dem Raum um mich, hilft mir, meine Reise zu beginnen. Ich komme ein Stück voran. Dann die zweite Anspannung, und wieder schiebe ich mich vorwärts. Die Geräusche außerhalb des Raumes werden lauter. Plötzlich wird es um mich herum heller und kühler. Und dann gibt der Tunnel mich frei. Ich bin orientierungslos, habe für einen kurzen Moment Todesangst, denn das Licht blendet mich und mir ist, als ob ich ersticke und vielleicht ins Bodenlose falle. Doch ich will leben!
Mit einem lauten Schrei befreie ich mich von meiner Angst. Plötzlich kann ich atmen. Ich spüre, wie ich getrennt werde von dem Wesen, in dessen Raum ich gelebt habe. In mir ist der tiefe Wunsch nach Wärme und Berührung. Und schon werde ich geschaukelt, fast so wie in dem Raum. Ich werde sicher gehalten und eingehüllt in weichen Stoff. Ich rieche das Wesen, welches mich mit einem Lächeln ansieht. Es riecht so ähnlich, wie es in dem Raum roch, in dem ich so lange gelebt habe. Und dann schmecke ich die Brust, die mich sofort nährt. Ich bin voller Glück und Liebe. Es ist einzigartig, auf dieser Welt zu sein.“
So oder ähnlich könnte ein Baby seine Geburt erleben, wenn es auf dieser Welt willkommen geheißen wird.
Genauer wissen wir es von den Müttern, denn sie können es uns erzählen:
Die Mutter: „So erlebe ich die Geburt meines Kindes“
„Meine Hände umschließen sanft die Wölbung meines Bauches. Es hat sich wieder bewegt. Mit sanfter Stimme spreche ich zu ihm. Seit Tagen warte ich darauf, dass die Reise beginnt. Jetzt scheint es so weit zu sein. In dem Zimmer, in dem ich mein Kind zur Welt bringen werde, umgeben mich helle Farben; ich sehe ein Wasserbecken, ein großes Bett und ein Windspiel, dessen Töne mich sanft einhüllen. Am Bett steht ein CTG – also ein Wehenschreiber. Er hat mir vor ein paar Minuten signalisiert, dass das Kleine seine Reise bereits begonnen hat.
Ich nehme einen tiefen Atemzug und rieche den angenehmen Duft frischer Kräuter. Me