Der Künstler und die Hutmacherin:
Meine Familie
Hier, in meinem ruhigen Haus in London, schaue ich mir ein Foto an, das 1940 aufgenommen wurde. Meine Mutter, meine kleine Schwester und ich sitzen an einem Sonntag in Tante Saras Garten; zu dieser Zeit war das noch ein friedlicher Ort. Meine Mutter, die wir liebevoll »Mams« nennen, ist damals 51, meine Schwester Clara zwölf, und ich bin 18. Ein ganz alltägliches Familienbild von gewöhnlichen Leuten: Wir verbringen einen schönen Nachmittag miteinander, genießen den Garten und die Gesellschaft der anderen. Ein Bild davon, wie die Zeit mit der Familie sein sollte – liebevoll, sicher, angenehm, vorhersagbar. Nichts in unseren Gesichtern verrät, was in den folgenden drei Jahren geschehen soll: der Tod meines Vaters, der von Mutter und Clara, meiner Oma, von Tante Sara, ihrem Mann Arie und ihren beiden Söhnen und von vielen anderen Familienmitgliedern – nicht durch natürliche Umstände oder einen Unfall, sondern durch die Grausamkeiten, die sich bei der Aufnahme des Fotos bereits in Europa ausbreiteten und nur zu bald in die Niederlande dringen sollten. Vor diesen grausamen Ereignissen begriffen wir nicht, was für ein Vorrecht es darstellt, ein anonymes Leben zu führen. Noch immer kann ich kaum glauben, dass die Namen von Leuten, die unbehelligt hätten bleiben müssen, jetzt zu ihrem Gedenken auf Listen und Mahnmalen stehen – weil diese Menschen dem methodischsten Massenmordsystem zum Opfer fielen, das die Welt je gesehen hat.
Wie die meisten Leute wurde ich in eine gewöhnliche Familie hineingeboren, deren Erfahrungen nur für diejenigen interessant waren, die sie betrafen. Mein Opa väterlicherseits, Levi Velleman, handelte in Schagen mit Antiquitäten. Er hatte dort und in Haarlem ein Geschäft, doch ein wohlhabender Mann wurde er nie. Meine Oma väterlicherseits, Saartje Velleman, geborene Slagter, war Hausfrau, wie die meisten Frauen in dieser Zeit – allerdings entsprach sie dem Stereotyp nicht, denn sie war keine besonders gute Hausfrau. Ein hoffnungsloser Fall, was Kochen und Putzen betraf, und ihre älteste Tochter, meine Tante Greta, erzählte mir, dass im Haus immer Chaos herrschte: Kleidungsstücke wurden zum Beispiel einfach in die Laden geworfen, so dass ständig alle etwas suchten. Im Haus lebte ein Dienstmädchen, das die schweren Arbeiten verrichtete, aber je älter Tante Greta wurde, desto mehr übernahm sie die Verantwortung für den Haushalt und sorgte für ihre jüngeren Geschwister.
Mein Vater Barend Levi Velleman, das erste Kind von Levi und Saartje, wurde am 10. April 1889 geboren. Seine glückliche Geburt musste für meinen Opa eine Erleichterung bedeutet haben. Seine erste Frau Betje hatte nämlich das Kindbett nicht überlebt, und ihr kleiner Sohn, der auch Barend hieß, starb vier Tage später. Die Vellemans nannten den Erstgeborenen jeder Generation abwechselnd Barend Levi und Levi Barend, weil sie Nachfahren des biblischen Stammes Levi waren. Wahrscheinlich wollte Opa Velleman sehr gern eine Familie gründen, denn am 20. Juni 1888, nur vier Monate nach dem Tod seiner ersten Frau, hatte er Oma geheiratet. Saartje, fünfeinhalb Jahre älter als Barend, war dreißig, als mein Vater geboren wurde – damals fand man das alt für ein erstes Kind. Aber Saartje war eine starke Frau: Insgesamt brachte sie zehn Kinder zur Welt, das letzte im Alter von 43 Jahren. Mein Opa starb 1923 mit 58, und sie überlebte