Ich lebe … für wen? Für was?
Die Natur erschafft die Dinge, ohne sich zu beeilen, und trotzdem ist alles vollkommen.
LAOTSE
Ich lebe schon ziemlich lange und bin mir nicht sicher, ob ich weiß, wozu mein Leben gut war … Wer bin ich? Ein Mensch mit widersprüchlichen Gefühlen. Einen Tag bin ich gut, den anderen kann ich recht eklig sein. Diese ewigen Selbstbefragungen, diese Zweifel hätten mich zum Pessimisten machen können, aber das Gegenteil war der Fall: Ich habe beschlossen, das Glas als halb voll zu betrachten und nicht als halb leer. Ich habe beschlossen, diese Sicht auf die Menschheit zu übertragen, und mich dem Studium des Optimismus verschrieben. Das hat mir gezeigt, dass es häufig einfacher ist, schlecht zu sein als gut. Güte ist nicht einfach zu verwirklichen. Sie erfordert intensive Arbeit an sich selbst. Es ist viel einfacher, sich vom Neid bestimmen zu lassen, von der Eifersucht, vom Egoismus und vom Hass. Diese Regungen verlangen uns keine besondere Anstrengung ab. Doch wenn wir Frieden und Brüderlichkeit leben wollen, so ist schlicht Anstrengung vonnöten. Der Großteil von uns Menschen schafft dies nicht aus eigener Kraft, etwa durch Willensanstrengung oder Disziplin. Wie der Apostel Thomas, der erst seinen Finger in die Seitenwunde Jesu legen musste, um an dessen Auferstehung zu glauben, so brauchen auch wir Beispiele, die uns anrühren. Wir alle sind solch ungläubige Thomasse, nicht unbedingt böse, aber auch nicht gerade mutig. Wir warten darauf, dass uns jemand den Weg zeigt, denn von selbst sehen wir ihn nicht. Ich bin ein armer Pilger, der einen Leitstern braucht, um aufzubrechen. Ein einfacher Pilger voller Zweifel, der zwischen Scylla und Charybdis schwankt. Ein Sünder im Angesicht des Ewigen. Jedes Leben ist eine Pilgerreise. Meine besteht darin, Menschen zu suchen, die leuchtende Vorbilder sind. Sie haben mich in meinen schlimmsten Augenblicken gerettet, als der »teuflische Anteil« in mir die Nasenspitze heraussteckte. Ich schäme mich dessen nicht, denn jeder trägt sein Stückchen Finsternis in sich. Des einen Herz hängt zu sehr am Geld, das des anderen an der Macht. Bei mir war es der eitle Ruhm. Das Bedürfnis nach Anerkennung. Bewunderung. Ich wollte gefeiert werden. Ganz sicher wäre ich gern berühmt gewesen. Dabei hätte ich mich sogar mit einer C-Prominenz zufriedengegeben. Mit der untersten Kategorie. Dieser »teuflische Anteil« redet uns häufig ein, dass wir einen anderen Weg einschlagen, unsere Chancen besser nutzen müssen. Heute betrachte ich diese meine Vergangenheit mit Humor und ohne Verbitterung. Diese wunderbaren Menschen, die ich in den letzten dreißig Jahren kennenlernen durfte, haben mich vor allerlei Dummheiten bewahrt. Danke, mein Gott!
Der erste meiner großen Helden war Abbé Pierre. Seit dem Tag seiner Beisetzung auf dem kleinen Friedhof von Esteville in der Normandie denke ich daran, wie er mich gerettet hat. Wovor? Ich weiß es nicht. Er trat im Jahr 1989 in mein Leben, mitten in den Vorbereitungen zur Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution. Mit der Ausrichtung war Edgar Faure b