: Jo Graham
: Die Seherin von Troja Historischer Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641267278
: 1
: CHF 2.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit sieben Jahren kommt Möwe, Tochter einer trojanischen Sklavin, in die Obhut der Priesterin Pythia. Diese erkennt die Gabe ihres Schützlings, ihr einst als Orakel nachzufolgen. Von nun an ist Möwe dazu ausersehen, Könige zu beraten und der Herrin der Toten zu dienen. Nach dem Tod der Priesterin wird aus Möwe, der Seherin mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten, die neue Pythia. Als sie neun schwarze Schiffe erblickt, die auf Pylos zuhalten, nimmt ihr Leben eine dramatische Wende: Es sind der trojanische Prinz Äneas und die letzten überlebenden Männer von Troja, die die entführten Frauen ihres Volkes retten wollen. Phythia schließt sich ihnen an, denn nur sie kann das Schicksal ihres Volkes voraussagen …

Jo Graham hat mehrere Jahre in der Politik gearbeitet, bis sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie lebt mit ihrer Familie in Maryland.

2

Das Orakel

In dem Schrein waren wir nicht von aller Welt abgeschieden. Alle paar Tage kam jemand, meistens Leute vom Lande, mit Opfergaben und Fragen. Sie brachten Äpfel vom letzten Jahr, Säcke voll Korn, frischgebackenes Brot und Oliven, die in ihrem eigenen Öl eingelegt waren. Bisher hatte ich mir niemals Gedanken darum gemacht, was mit Opfergaben geschieht. Man bringt sie den Göttern dar und was dann? Lösen sie sich einfach in Luft auf?

Die Opfer dienten dazu, uns am Leben zu erhalten, und wir verzehrten, was man uns brachte, mit unserer Ziegenmilch und dem scharfen Käse, den Dolcis daraus machte. Auf den Hängen unterhalb der Höhle grasten fünf weiße Ziegen. Ein Knabe von einem Gehöft weiter unten am Berg kam und versorgte sie. Er war doppelt so alt wie ich und redete nicht mit mir; das hielt er für unter seiner Würde.

Manchmal kamen auch Edelleute mit ihrem Gefolge, ihren Wagen und prachtvollen Pferden; ihre Bronzelanzen waren poliert, so dass sich die Sonne darin spiegelte. Sie pflegten eingesalzenen Fisch in großen Töpfen zu bringen, Amphoren mit rotem Wein und einmal in jenem Sommer auch zehn Ellen feines Leinen, so tiefschwarz gefärbt wie die Nacht. Ich berührte den Stoff und überlegte, ob er wohl aus dem Flachs gemacht war, den ich mit meiner Mutter und den Frauen aus Wilusa geerntet hatte.

»He, du da, lass das!«, herrschte mich einer der Diener an, als er sah, wie meine kleinen Finger die Gabe seines Herrn betasteten.

Phythia schnaubte. »Ach, das ist nur unsere Linnea, sie ist ganz hingerissen von dem feinen Tuch.«

Linnea, so nannte sie mich, und der Name blieb hängen, Leinen-Mädchen, das Mädchen vom Flachsfluss. Sie nannten mich nicht in meiner eigenen Sprache Möwe, so wie meine Mutter es tat.

In jenem ersten Sommer kam meine Mutter oft auf den Berg, doch als der Regen begann und sie mehr Arbeit zu verrichten hatte, geschah das nicht mehr so häufig. Außerdem war Aren jetzt größer und musste ständig beaufsichtigt werden, damit er nicht davontappte und im flachen Wasser des Flusses ertrank.

Als der Regen kam, traf auch der Wagen aus dem Hause des Königs ein, um Pythia zu der Zeremonie zu holen, die die Rückkehr der Erhabenen Herrin verkündete, die einwöchigen Feiern der Thesmophorien, das Fest der Rückkehr. Sie fuhr allein fort und nahm mich nicht mit; sie sagte, ich hätte noch nicht genug gelernt, um ihr zu dienen, ohne ihr Schande zu bereiten. Eigentlich hätte mich das schmerzen müssen, doch das tat es nicht. Mir war klar, dass ich nicht dazu taugte, ihr vor anderen zu Diensten zu sein. Ich war noch immer linkisch und unbeholfen.

Im Jahr darauf nahm sie mich mit. Ich war gerade acht geworden und gewachse