TAG 1
TERRA INDIGENA
Gewisse Probleme können, wenn sie erst einmal in der Welt sind, nicht zufriedenstellend gelöst werden.
Michael Crichton
Ausweichmanöver
Dr. Sophie Kline schwebte in einer Höhe von vierhundert Kilometern in der Stille des Alls. Ihr langes blondes Haar umgab sie dabei wie ein Heiligenschein. Es war erst sechs Uhr morgens, nach Koordinierter Weltzeit (UTC), der offiziellen Zeitzone der Internationalen Raumstation – ein Kompromiss zwischen den Kontrollstationen in Houston und Moskau –, aber ihre blaugrauen Augen waren weit geöffnet und aufmerksam. Die beiden anderen Astronauten schliefen noch, die Beobachtungskuppel war dunkel und leer, die Außenjalousien geschlossen. Das einzige Geräusch war das leise Surren des Ventilationssystems im Tranquility-Modul.
Dies war Klines Lieblingstageszeit.
Sie drückte einen leuchtenden Knopf, und die Außenhülle der Raumstation gab ein wimmerndes Geräusch von sich, während sich die Jalousien der Kuppel öffneten. Das sanfte Leuchten der Erdoberfläche erhellte das Innere des Moduls, und Kline hatte wie immer bei diesem Anblick Schmetterlinge im Bauch. Sie genoss das Gefühl, allein und losgelöst von weit oben auf den Blauen Planeten herabzublicken. Es gab ihr ein Gefühl der Überlegenheit, als wäre alles unter ihr ihre eigene Schöpfung.
Dieses kleine Morgenritual (das sie ihrem persönlichen Flugtagebuch anvertraute, welches nach dem Zwischenfall geborgen werden konnte) mag ein wenig arrogant klingen, war aber eigentlich nur der Ausdruck ihres Traums von Freiheit.
Kline schwebte in der Kuppel. Ihre gelähmten Beine wurden mit Klettband fest zusammengehalten, damit sie ihr nicht im Weg waren. In diesen ruhigen Momenten der Schwerelosigkeit spürte sie die Krämpfe in ihren degenerierten Muskeln kaum.
Sophie Kline konnte seit ihrem sechsten Lebensjahr nicht mehr gehen. Also hatte sie fliegen gelernt. Sie war trotz ihrer Behinderung von hochgewachsener Statur, und während sie aus dem Fenster der Kuppel blickte, verliehen ihr die markanten Augenbrauen und eingefallen Wangen ein geradezu raubtierhaftes Aussehen, das nur durch die Sommersprossen auf Nase und Stirn gemildert wurde.
Ihr Weg zu den Sternen war in einem geradezu Borel’schen Ausmaß unwahrscheinlich gewesen. Als Kline im Alter von vier Jahren hingefallen war und sich den rechten Arm brach, nahmen ihre Eltern an, dass sie einfach ungeschickt oder ein Pechvogel war. Nur eines davon stimmte. Im Krankenhaus fiel einem aufmerksamen Kinderarzt auf, dass das kleine Mädchen einen besorgniserregenden Tremor hatte.
Mit fünf wurde bei der kleinen Sophie, die gerade laufen gelernt hatte, eine äußerst ungewöhnliche juvenile Form von Amyotropher Lateralsklerose (JALS) diagnostiziert. Die Krankheit sorgte dafür, dass sie seit ihrer Kindheit im Rollstuhl saß – aber sie hatte keinerlei Bedürfnis, auch darin alt zu werden. Mit beinahe übermenschlicher Entschlossenheit – vor allem für ein Kind – hatte sie ihren genialen Verstand und eisernen Willen daran gesetzt, der Gravitation und den damit einhergehenden Beschränkungen zu entkommen.
Und sie hatte damit Erfolg gehabt.
Kein seriöser Arzt hatte geglaubt, dass sie älter als zwanzig werden würde. Aber sie hatte durchgehalten, jede medizinische Neuerung zu ihrem Vorteil genutzt und war schließlich eine Wissenschaftlerin von Weltrang und Astronautin geworden.
In einer Mikrogravitationsumgebung verschwanden ihre chronischen Schmerzen fast komplett, und ihre körperliche Beeinträchtigung war weitaus weniger hinderlich als auf der Erde. Unter den Bedingungen einer gleichmäßigen Beschleu