KAPITEL
EINS
Grundschule Stretton Park, London
Ende November
Konzentration. Kon-zen-tra-tion. Du bist jetzt die Bastel-Superwomn …
Emily Parkers Zunge klebte an der Oberlippe, während sie in höchster Konzentration die Augen zusammenkniff und mit einer Pinzette die winzige Krone aus Knetmasse in die Höhe hielt. Sie verzog den Mund und pustete etwas Luft nach oben, um die Wimpern von dem etwas zu langen kastanienbraunen Pony zu befreien.
Es war kurz vor acht am Morgen, und in ihrem Klassenzimmer herrschte zu dieser Zeit noch eine Stille wie in einer Kapelle voller Benediktinermönche. Emilys Hand zitterte, als müsste sie jemanden am offenen Herzen operieren, statt ein Modell mit dem Titel »Was Weihnachten für mich bedeutet« zu vollenden. Gestern hatte ihre sechste Klasse Sterne gebastelt – aus Alufolie und mit jeder Menge Glitzer – und sie an Kleiderbügeln aus Draht befestigt, die nun von der Decke baumelten. Wenn sie sich um die eigene Achse drehten, malten sie schimmernde Lichtpunkte an die Wände. Emily hatte noch immer ein wenig Sorge, einer (oder gleich alle) könnte auf das kostbare Kunstwerk fallen, das sie gerade fertigstellte.
»Nicht zerdrücken, Miss Parker, jetzt sieht es endlich wieder schön aus.«
»Ich weiß.« Emily holte tief Luft. »Das hast du wirklich sehr gut gemacht, Jayden.« Die aufmunternden Worte waren an einen ihrer Schüler gerichtet, der in einem Gebäude mit dem unpassenden Namen Riches Tower wohnte. Der »Turm des Reichtums« war ein schauderhaftes Hochhaus aus den Siebzigern, in dem einige der ärmeren Einwohner dieses Stadtviertels von London lebten. Bei dem Modell vor ihr handelte es sich bereits um Jaydens zweiten Versuch. Und bevor der Unterricht begann, wollte sie ihm unbedingt noch helfen, es fertig zu bekommen. Das erste Modell war Jaydens gewalttätigem Vater zum Opfer gefallen. Er hatte es in der Küche an die Wand geworfen. Emily war einmal bei den Jacksons zu Hause gewesen, und zwar, weil sie sich Sorgen gemacht hatte, als Jayden wegen einer angeblichen Grippe über eine Woche lang nicht zum Unterricht gekommen war. Allerdings war sie bereits in der altmodisch ausgestatteten Küche, dem ersten Raum gleich hinter der Wohnungstür, von Mr Jackson, der sich an Mrs Jackson vorbeigedrängt hatte, abgepasst und vor die Tür gesetzt worden.
Mit zitternden Fingern holte Emily Luft.Positiv denken. Irgendwann musste bei diesem Jungen doch einmal etwas klappen. Es war fast Dezember, nicht mehr lange hin bis zum Weihnachtsfest. Kurz blickte sie zur Decke mit den tanzenden Mobiles hinauf und pustete den angehaltenen Atem aus.