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Es war kein guter Ort zum Sterben.
Judith Kepler zog die Handbremse an und stellte den Motor ab. Sie betrachtete das graue Mietshaus durch die Frontscheibe des Transporters und spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Ihre Handflächen, die das Lenkrad umklammerten, wurden feucht. Und ausgerechnet an diesem Morgen hatte sie einen absoluten Anfänger dabei.
Entlang der dichtbefahrenen Straße reihten sich Discountkleiderketten, Puffs und dubiose Gebrauchtwagenhändler aneinander. Eine Ecke für alles, was billig zu haben war: Frauen, Autos, auch Wohnungen. Einige Fenster des Hauses waren blind. Vor anderen hingen anstelle der Gardinen ausgeblichene Decken und Handtücher.
Ihr Beifahrer schaute begehrlich auf einen heruntergerittenen Ford Fiesta, der für die monatliche Rate von neunundneunzig Euro gleich mitgenommen werden konnte. Vorausgesetzt, man hatte einen festen Arbeitsplatz. Kai hatte weder das eine noch das andere. Keine neunundneunzig Euro und auch keinen Job. Er war ein breitschultriger, großgewachsener Junge mit einer dieser neumodischen, ins Gesicht gekämmten Pilzkopffrisuren. Sie verlieh seinen kräftigen Zügen etwas ungewollt Poetisches, von dem er selbst wahrscheinlich keine Ahnung hatte.
Sie klappte die Sonnenblende herunter und sah in den Spiegel. Was hielten Einundzwanzigjährige von Frauen über dreißig? Jenseits von Gut und Böse wahrscheinlich. Sie strich sich eine Haarsträhne zurück und merkte im gleichen Moment, wie eitel das in seinen Augen wirken musste. Dabei machte sie das jedes Mal, bevor sie an einen Einsatzort kam. Hände gewaschen, Haare gekämmt. Der erste Eindruck war entscheidend. Das galt für Wohnungen, für Jobs, für Männer und für alles andere, das korrekt erledigt werden sollte.
Judith verkniff sich die Frage, wann sie das letzte Mal einen Mann korrekt erledigt hatte. Ein seltsamer, absurder Gedanke. Sie sollte in Zukunft weniger Selbstgespräche führen.
Kai riss sich los von dem Auto, hob die dichten Augenbrauen bis unter den Ansatz seines Ponys und fragte mürrisch: »Geht es jetzt da rauf oder was?«
Du bist korrekt erledigt nach der ersten Schicht, dachte sie und versuchte, ihrem Lächeln das Hinterhältige zu nehmen.
Sie stieg aus. Hinter ihrem Rücken hörte sie, dass er den Wagen ebenfalls verließ. Er folgte ihr wie ein Welpe. Wahrscheinlich würde er auf dem Absatz kehrtmachen, sobald er mitbekam, auf was er sich eingelassen hatte, also konnte sie ihn auch gleich mit vorauseilender Rücksichtslosigkeit behandeln.
Am Hauseingang stieg ihr der stechende Geruch von Urin in die Nase – ein untrügliches Zeichen, dass die Schattengewächse der Metropole diese Ecke erobert und ihr Revier markiert hatten. Die Tür war eine Fünfziger-Jahre-Scheußlichkeit mit Aluminiumrahmen und mehrfach gebrochenem Sicherheitsglas. Sie wurde von innen geöffnet. Ein Mitarbeiter des Bestattungsinstituts trat heraus und arretierte den Flügel. Er nickte Judith kurz zu.
»Mensch, Mädchen.« Er griff in die Jackentasche und hielt Judith eine kleine Metalldose hin. Die Geste war die wortlose Zusammenfassung dessen, was sie oben erwartete.
»Danke.«
Judith rieb sich die Mentholpaste