: Anne Østby
: Das Lied des Ozeans Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641262211
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In wenigen Monaten wird Maraia achtzehn. Dann soll sie die Schokoladenmanufaktur übernehmen, die vier Norwegerinnen auf Fidschi gegründet haben. Kat, Ingrid, Sina und Lisbeth haben in Maraias Heimat ihr Paradies gefunden und verbringen hier ihren Lebensabend. Für Maraia sind sie Rückhalt und Familie. Aber kann sie den Traum ihrer Freundinnen zu ihrem eigenen machen? Maraias Herz gehört dem Meer, ihre Sehnsucht dem Ozean. Eine gemeinsame Reise nach Norwegen führt Maraia schließlich in eine ihr völlig fremde Kultur – und weist ihr zugleich den Weg in eine eigene Zukunft.

Anne Østby ist eine norwegische Journalistin und Schriftstellerin, die auf der ganzen Welt zu Hause ist. Neben Stationen in Dänemark, Malaysia, Pakistan, Kasachstan, den USA, dem Iran, Ost-Timor und zuletzt Myanmar hat sie auch vier Jahre in Fidschi verbracht. Sie hat drei Töchter und lebt mit ihrem Mann in Norwegen.

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Maraia


Der Speer liegt gut in der Hand. Er ist lang, länger als ihr Arm, aber er wiegt nicht sehr viel. Die Spitze funkelt im Sonnenlicht, während das Boot am Riff dümpelt und ihre Zehen sich am Dollbord festhalten. Die Schatten dort unten bewegen sich ruhig, sie haben es nicht eilig. Die Korallenforelle leuchtet rot auf dem Grund, ein Schwarm von Clownfischen jagt mit wehenden Flossen vor einem Feuerfisch davon. Maraia wartet und schaut, sie weiß, worauf sie Jagd macht. Einen blauen Makrelenfisch, der nicht zu groß sein darf. Nicht weil sie Angst vor den Kiefern dieses Fisches hätte, der den Speer zu Spänen zerbeißen kann, falls die Spitze wegrutscht und der Fisch nur verletzt wird – er wäre stark genug, sie mit sich in die Tiefe zu ziehen. Der, den sie sucht, ist der kleinere, der mit dem helleren Fleisch, das besser schmeckt.

Die Wellen sind leicht und munter, heute lacht das Meer. Es tanzt und spielt unter ihr und zeigt plötzlich einen hellgraugrünen Rücken, der auf das Boot zukommt. Die Schuppen mit den schwarzen und blauen Punkten funkeln wie Blitze. Maraia stößt sich so hart ab, dass das Boot seine Richtung ändert, sie hebt den Arm. Die Kraft ihrer Beine lässt sie durch die Luft jagen, der Speer ist der Arm, und der Arm ist der Speer, einen Moment lang tragen sie einander, ehe sie sich trennen. Die Spitze teilt das Wasser, es ruckt, als sich das Gummi an Maraias Handgelenk spannt. Als sie in die Wellen eintaucht, bohrt sich der Speer in den Fisch, genau über der blauen Rückenflosse. Sie packt wieder zu, umklammert den Schaft, während der Makrelenfisch kämpft und sie nach unten zieht. Blutstropfen quellen um die Spitze herum hervor und bilden dunkle Spiralen im Wasser, vermischen sich mit den Luftblasen, die Maraia ausstößt. Maraia weiß, der Fisch ist stark, doch der Fisch weiß nicht, dass Maraia stärker ist. Er zappelt und wendet sich, und sie bleibt auf Distanz, lässt den Speer aber nicht los. Noch hat sie Luft, ihr Blick haftet an der zweigeteilten Spitze, die tief im Fischrücken sitzt. Das Zappeln lässt nach, ein Film zieht sich über die glotzenden Augen, als das Leben aus dem Tier schwindet. Maraia stößt sich vom Boden ab und gleitet mit erhobenem Speer hinauf zum Licht.

»Der ist aber nicht groß«, scherzt Penaia, als der Makrelenfisch im Boot liegt. »Den ess ich heute Abend allein.«

»Der ist groß genug«, erwidert Maraia. »Davon werden alle in Vale nei Kat satt.«

Sie muss noch einmal hinaus. Nicht mit dem Speer, für diesen Tag braucht sie keine weiteren Fische. Sie weiß, dass Penaia denkt wie sie. Er verbringt seine Tage in dem gelben Boot und weiß: wenn das Meer hat, was es braucht, dann gilt das auch für den Fischer. Doch sie hört den Gesang. Alles dort unten hat seinen eigenen Ton, ein Summen, das in den Strömungen schw