: Brigid Kemmerer
: Ein Fluch so ewig und kalt Roman
: Heyne Verlag
: 9783641245764
: Emberfall-Reihe
: 1
: CHF 12.60
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: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Einst war Emberfall ein mächtiges Königreich. Dann lud der junge Prinz Rhen einen schrecklichen Fluch auf sich. Seither muss er innerhalb eines Jahres ein Mädchen finden, das ihn auf ewig liebt. Gelingt es ihm nicht, verwandelt er sich in eine Bestie, und das Mädchen muss sterben. Jahr für Jahr. Bis er Harper auserwählt, ein Mädchen aus dem heutigen Washington D.C., das schon mit ganz anderen Kerlen fertiggeworden ist. Zornig und mutig bekämpft sie ihn – bis sie den wahren Rhen erkennt. Aber wird ihre Liebe reichen, um sie beide vor dem Tod zu bewahren?

Brigid Kemmerer ist eine New-York-Times-Bestsellerauto in. Sie hat bereits mehrere Jugendbücher veröffentlicht. »Ein Fluch so ewig und kalt« ist der Auftakt zu ihrer neuen Bestseller-Trilogie aus der magischen Welt von Emberfall. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren vier Jungen in der Nähe von Baltimore.


Harper


Ich renne einen langen Flur hinunter, mein Atem brüllt mir in den Ohren. Das hier muss ein Museum oder sonst ein historisches Gebäude sein. Meine Socken finden keinen echten Halt auf dem samtigen Teppich, der über dem Marmorboden liegt. Die Wände sind holzvertäfelt, reichen gemauert aber zu einem hohen Deckengewölbe hinauf. Schwere Holztüren mit schmiedeeisernen Klinken reihen sich in unregelmäßigen Abständen auf dem Flur aneinander, doch keine davon steht offen.

Aber ich halte nicht an, um es bei einer zu versuchen. Ich muss jemand finden, der mir hilft, oder hier alleine rauskommen.

Als ich um eine Kurve biege, stoße ich auf eine weit ausladende Freitreppe, die in eine prachtvolle Eingangshalle führt. Der Raum ist so groß wie die Turnhalle meiner Highschool, aber mit dunklem Schieferboden, massiven Buntglasfenstern und einer eisernen doppelflügeligen Tür. An den Wänden hängen Tapisserien, in denen violettes, grünes und rotes Garn verwebt sind, die aber auch von schimmernden Gold- und Silberfäden durchwirkt sind. An einer Seite stehen Tische beladen mit Torten und Gebäck und Dutzenden Champagnergläsern. Ein halbes Dutzend weißer Stühle mit Vergoldungen steht in einer Ecke, davor liegen Musikinstrumente bereit.

Alles sieht aus wie für eine Hochzeit. Oder für ein anderes Fest. Nichts deutet auf eine Entführung hin.

Ich bin total verwirrt – aber immerhin habe ich eine Tür nach draußen gefunden.

Plötzlich durchdringt ein schrilles Piepen die Stille.

Jakes Timer.

Ich wühle das Handy aus meiner Tasche und starre auf die blinkenden Nullen. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich weiß nicht, ob er es rechtzeitig geschafft hat.

Aber ich muss mich zusammenreißen. Ich stehe hier wie eine Zielscheibe, und Tränen werden mir nur das Gesicht nass machen. Sobald ich irgendwo in Sicherheit bin, kann ich den Notruf 911 verständigen.

Ich umklammere das Geländer und laufe die Stufen hinunter. Mein linkes Bein ist plump und gibt beinahe unter mir nach, aber ich drohe ihm im Geiste, es abzuschneiden, wenn es mich nicht hier rausbringt. Es hört auf mich.

Als ich an der Ecke vorbeikomme, heben sich die Instrumente gleichzeitig von den Stühlen.

Erschrocken ducke ich mich, weil ich fürchte, dass eines auf mich zu fliegen wird. Doch dann beginnen sie ohne Vorwarnung zu spielen. Klassische Musik erfüllt die Halle. Ein schöner, voller Klang, mit Flöten, Trompeten und Geigen.

Das muss ein Trick sein. Eine optische Täuschung. Wie in einem Vergnügungspark. Das alles muss irgendwie durch meine Bewegung ausgelöst worden sein.

Ich strecke die Hand aus und schnappe mir eine Flöte. Eigentlich rechne ich damit, dass sie mit dünnen Drähten oder durchsichtigem Plastik irgendwo befestigt ist.

Aber das ist sie nicht. Meine Hände schließen sich um das Metall, als würde ich sie aus einem Regal nehmen. Das Silber vibriert, als würde jemand darauf spielen. Sie wiegt auch nicht viel – es stecken also keine Batterien drin. Kein Lautsprecher. Nichts.

Als ich sie an mein Ohr halte, kommen die Töne aus dem Inneren.

Ich trete einen Schritt zurück und werfe sie von mir.

Da bewegt sich die Flöte sofort wieder an ihren alten Platz über dem Stuhl, als würde dort ein unsichtbarer Musiker stehen und auf ihr spielen. Die Klappen schließen und öffnen sich.

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