Der Finnische Tango
Als der Tango 1913 nach Finnland kam, wurden die Finnen von den Russen unterdrückt. Der Tanz offenbarte, worüber zu sprechen unmöglich war. Er wird meistens in Moll gespielt. Die Texte handeln stets von unglücklicher oder verloren gegangener Liebe.
Der Tag, an dem Albert Gottwald beschloss, sich ins Jenseits zu befördern, war kein besonderer. Er war der letzte in einer langen Reihe von Tagen, die nach immer demselben Schema abgelaufen waren, bevor sie in einem Meer aus Leere und Bedeutungslosigkeit versanken. In den Nächten wurde er von dunklen Träumen gequält, aus denen das Erwachen keine Erleichterung brachte.
Es war November. Die Welt vor dem Schlafzimmerfenster war matschig und grau wie überreife Pilze auf der Unterseite. Der Wind heulte und riss die letzten Blätter von den Ästen der Robinie im Garten.
»Verdammter Finnischer Tango«, stöhnte Albert und zog sich die Decke über den Kopf. Bis vor ein paar Jahren hatte er es geliebt früh aufzustehen, noch bevor die Stadt erwachte. Jetzt überlegte er, ob er nicht einfach liegen bleiben sollte. Niemandem würde auffallen, wenn er im Bett blieb. Ina kam erst nach 19 Uhr, würde also nichts merken. Marthas Duft wehte zu ihm herüber. Ihre Seite des Bettes war seit 1278 Tagen leer. Dennoch bezog er das Bettzeug jeden zweiten Samstag und sprühte Marthas Parfüm auf das Kissen.
Nein, er konnte nicht liegen bleiben. Das ging einfach nicht. Keine Krankheit, kein Fieber, nicht einmal die Flitterwochen hatten das geschafft. Sobald es hell wurde, musste er aufstehen. Tagsüber liegen zu bleiben fühlte sich für Albert so falsch an, wie … Autofahren in England.
Ächzend hievte er sich hoch und ging den Tag theoretisch durch. Freitag also. Nach der Morgentoilette würde er sich gewissenhaft kleiden. Er war immer gut angezogen. Es gab keinen Grund, damit aufzuhören. Anschließend würde er runtergehen in die Küche. Punkt 7 Uhr würde der Kaffee durch die Maschine blubbern und tröstlichen Duft im Haus verbreiten. Er würde Futter ins Vogelhäuschen streuen und nicht vergessen Wasser in der Tränke zu wechseln. Genau wie Martha es immer gemacht hatte.
Zum Frühstück würde er sich vor das Fenster zum Garten setzen und den Vögeln zusehen. Er würde keinen Appetit haben. In letzter Zeit schmeckte alles nach Seife, und beim Schlucken musste er neuerdings immer an die Gänse denken, die seine Mutter früher um diese Jahreszeit gestopft hatte, damit sie zu Weihnachten fett waren. Dennoch würde er sich zwingen zu essen, denn das hatte er Ina versprochen, und er hielt grundsätzlich, was er versprach.
Das Rotkehlchen würde als Erstes da sein. Albert mochte den kleinen Vogel mit den großen schwarzen Augen. Er weckte ihn bei Sonnenaufgang mit perlend langstrophigem Gesang. Überdies war er außerordentlich zutraulich. Sobald Albert in den Garten ging, hüpfte er unerschrocken um seine Füße, mitunter so nah, dass er befürchten musste draufzutreten. An einem sonnigen Morgen im April hatte Albert seine Jacke an die Schuppentür gehängt. Als er sie gegen Mittag abnehmen wollte, sah er sich vor vollendeten Tatsachen: Das Rotkehlchen hatte in seiner Tasche ein Nest gebaut. Er ließ die Jacke dort hän