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Köln
Donnerstag, 9. September
Auf dem Weg ins Krankenhaus hatte Tina zum ersten Mal das Gefühl, dass sie verfolgt wurde. Der schwarzeBMW aus Holland hatte auf der anderen Straßenseite gestanden, als sie in Ehrenfeld mit dem störrischen Fiat Panda ihres Mitbewohners losgefahren war. DerselbeBMW mit dem auffälligen gelben Kennzeichen fuhr eine halbe Stunde später auf den Holweider Parkplatz, von dem aus Tina in den grauen Betonklotz gehen wollte, um ihren Vater zu besuchen. Sie hatte sich die Nummer auf dem Kennzeichen nicht gemerkt, aber wie wahrscheinlich war es, dass zwei identischeBMW aus Holland in Köln unterwegs waren?
Tina blieb stehen, zückte ihr Handy und tippte sinnlos darauf herum. Dabei behielt sie unauffällig das Fahrzeug im Auge. Nachdem der Wagen drei Reihen entfernt hinter einer großen Linde geparkt hatte, blieben die Autotüren geschlossen, der Motor ausgeschaltet. Drei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten. Irgendwann hörte Tina in ihrem Kopf das Meckern ihrer Mutter, da Tina sowieso schon zu spät losgefahren war. Überflüssig natürlich, denn ihr Vater würde so schnell nirgendwohin gehen, aber Pünktlichkeit war für ihre Mutter ein Prinzip. Ein eisernes. Tina beschloss, dass es vielleicht doch zwei holländischeBMW in Köln geben konnte, und in einem davon machte nun jemand ein Nickerchen. Warum sollte man sie auch verfolgen?
In der kardiologischen Abteilung am Bett ihres Vaters musste Tina sich diese Frage erneut stellen. Während eines Monologs ihrer Mutter betrachtete sie auf ihrem Handy die Fotos der letzten Tage. Ein Selfie, das sie zwei Nächte zuvor am Brüsseler Platz gemacht hatte, ließ ihre Nackenhaare in die Höhe schießen. Darauf zu sehen waren ihre Freundin Anna und sie, gut gelaunt, hundert Meter vom Hallmackenreuther entfernt, wo sie zu viele Caipis getrunken hatten. Zu sehen war aber auch der holländischeBMW. Am Straßenrand hinter ihnen, das gelbe Kennzeichen reflektierte das Licht der Laterne.
»Alles okay, Chrissy?«, fragte Papa mitten in Mamas Elegie über die Unfähigkeit der Ärzte, die mal wieder keine Spontanheilung zustande brachten.
Tina sah Sorge in den müden blauen Augen ihres Vaters. Er war gerade erst sechzig geworden, wirkte jedoch mit seinen grauen Haaren und dem blassen Gesicht wie ein Greis, der von der gestärkten weißen Bettwäsche verschlungen wurde. Vielleicht war er auch gar nicht ungewöhnlich blass. Vielleicht kam es Tina lediglich so vor, weil sie ihn eigentlich nur mit hochrotem Kopf kannte und er jetzt durch die Medikamente einen normalen Blutdruck hatte. Als die Werte bedrohlich in die Höhe geschossen waren, hatte Mama ihn am Vortag ins Krankenhaus gebracht. Schnell setzte Tina ein Lächeln auf.
»Ja, ja, Paps. Alles okay.«
»Was schaust du dir denn da an?«
»Fotos … von Anna und mir.«
Papa winkte sie zu sich. Sie setzte sich an den Rand des Bettes und betrachtete das Bild mi