TEIL EINS
New York, 31. Oktober 1938
Als Frida an diesem Morgen aufwacht, fällt ihr Blick sofort auf den roten Rock, der neben dem Bett auf dem Boden liegt. Und sie sieht auch gleich den Riss. Zuerst denkt sie, es sei nur eine Falte, die einen Schatten wirft. Wie ein zerklüftetes Gebirge liegt ihr Tehuana-Rock auf dem Boden, der steife Baumwollstoff zu wild gezackten roten Felsen aufgetürmt. Als Julien gestern Nacht die Bänder an der Taille gelöst und ihr den Rock abgestreift hatte, war das Kleidungsstück in sich zusammengesunken, und Frida hatte es dort einfach liegen lassen. Ein schmaler blauer Streifen zieht sich durch das Stoffgebirge. Das Samtband stammt aus dem Lädchen von Señora Martínez in Coyoacán, und Frida hatte es an der Stelle aufgenäht, wo der Volant beginnt. Vom Bett aus wirkt die blaue Linie wie ein Fluss, der sich durch rote Täler und Schluchten windet und wieder auf die Anhöhe klettert, als brauche er die Gesetze der Schwerkraft nicht zu beachten.
Wenn das Wasser bergauf strömen kann, denkt Frida, dann kann sie heute ohne Schmerzen aufstehen. Sie wird sich waschen, ankleiden, frisieren und ohne Anstrengung die kleine Treppe hinter der Rezeption zum Frühstückssalon hinabsteigen. Über das Getuschel der Ladys mit ihren tristen Frisuren und den engen Kostümjacken wird sie ein strahlendes Lächeln breiten. Der nette Kellner mit der schiefen Nase wird ihr Toast und frisches Obst bringen und sie wie jeden Morgen freundlich anstarren. Sie wird den Toast buttern, solange er heiß ist, und beim Hineinbeißen wird ihr ein goldgelber Tropfen aus dem Mundwinkel zum Kinn laufen.
Sie wird … nein, sie wird nichts von allem tun. Sie weiß es, bevor sie die geringste Bewegung gemacht hat. Der Schmerz in ihrem Fuß ist eine Schlange. Jetzt schläft sie noch, aber sie wird erwachen, sobald sie auch nur einen Muskel anspannt. An manchen Tagen ist das so, sie spürt es gleich beim Aufwachen. Gestern fühlte sie sich gut, aber heute ist die Schlange da. Angelockt von der ungewöhnlichen Wärme, die seit Tagen auf Manhattan drückt. Die Vögel im Central Park spielen verrückt, weil sie sich nicht mehr auskennen. Ihre innere Uhr sagt ihnen, sie sollten sich vollstopfen, um den Winter zu überstehen, aber in der warmen Mittagssonne fangen manche von ihnen an, nach Nistplätzen Ausschau zu halten.
Frida will die Spanne ausdehnen, in der sie den Schmerz noch nicht spürt. Sie liegt auf dem Bauch und atmet flach, damit sie die Schlange nicht weckt. Die Bettdecke ist zu den Hüften heruntergerutscht, Gänsehaut kriecht über ihren Rücken. Mit den Augen tastet sie den Rand der Matratze ab, ihr Blick wandert wieder zum Boden, zum roten Gebirge mit dem blauen Fluss. Ein schöner Rock. Weit wie ein Zelt verbirgt er ihr verkürztes, dünnes Bein und den verdammten Fuß. Wenn sie den Rock auf die Wäscheleine hängt, knattert er wie ein Segel. Niemand weiß, dass sie eine geheime Botschaft in den Saum gestickt hat. Es ist ihr kleines Credo, eine Lebensversicherung für schlechte Tage.
Besser wäre es, wenn sie jetzt nicht zu den Zigaretten auf ihrem Nachtschrank greift, obwohl sie sich nach einem tiefen Zug sehnt. A