Kapitel 1
Lüneburger Heide, August 1922
»Achtung! Feind im Anflug! Maschinengewehr bereit machen!«
Luise von Seydell schaute zu dem Jungen hinüber, der vollkommen in sein Spiel vertieft war. Er hatte die beiden Flugzeuge zum Geburtstag bekommen, sieben Jahre wurde er heute alt. Am liebsten hätte sie ihm das Spielzeug aus der Hand gerissen und seine Mutter und ihn zum Teufel gejagt, aber damit hätte sie womöglich eine Katastrophe heraufbeschworen.
»Da kommt Meisterflieger Leutnant Georges Guynemer angeschossen, doch gegen unseren Helden Ernst Udet kann der Franzose nichts ausrichten! Udet vollführt ein Immelmann-Manöver, greift Guynemer von oben an. Verflixt, was ist das? Ladehemmung! Ladehemmung! Udet muss schnell abdrehen, bevor der Feind merkt, was los ist. Aber er tut es nicht, er gibt nicht auf.«
»Kann bitte jemand dem Kind die Flugzeuge wegnehmen?« Gesche von Seydell sah ihren Mann auffordernd an. »Ich ertrage das nicht.«
»Er spielt doch bloß«, entgegnete Bruno.
»Das ist kein Spiel«, widersprach Gesche, so leise allerdings, dass es außer Bruno und Luise keiner hörte.
Der Junge ließ indes die Flugzeuge aufeinander zurasen. »Der tapfere Udet versucht es noch einmal«, rief er. »Doch seineMGs feuern nicht.«
Gesche stöhnte. Ihr Mann reichte ihr die Hand. »Komm, wir machen einen kleinen Spaziergang.« Er half ihr auf, nahm ihren Arm und führte sie von der Picknickdecke weg.
Luise atmete auf, als die beiden sich entfernten. Bruno schien einen seiner guten Tage zu haben, zum Glück.
Der Junge spielte ungerührt weiter. »Da! Der Franzose merkt, was los ist. Er hält auf Udet zu. Der kann nicht mehr entkommen, sein Schicksal ist besiegelt. Aber seht nur, seht nur, Guynemer grüßt und dreht ab.« Der Junge legte das französische Jagdflugzeug auf der Decke ab und führte die Hand in militärischem Gruß an die Stirn. »Udet grüßt zurück und fliegt davon.«
»Bravo, bravo!« Gerti König, die Mutter des Jungen, applaudierte.
Luise konnte den Anblick nicht länger ertragen. Sie wandte sich ab und ließ den Blick über die beiden zwischen dem Heidekraut ausgebreiteten Decken wandern, über die Picknickkörbe, das Obst, die Platte mit dem Kuchen, die halbvollen Weingläser und die Menschen, die zu diesem Ausflug zusammengekommen waren. Gerti, Harald, Martha, Georg und Paula. Gesche und Bruno waren hinter einer Gruppe Bäume verschwunden.
Es war ein schöner Tag. Der August hatte kühl und regnerisch angefangen, aber heute war es trocken, und der Wind riss Löcher in die Wolkendecke, sodass sogar ab und an die Sonne hervorkam. Dennoch fühlte sich Luise unbehaglich. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte dieses Picknick nie stattgefunden. Aber sie hatte keine Wahl gehabt. Schon Anfang der vergangenen Woche hatten ihre ehemalige Zofe Martha und sie es geplant, als kleine Überraschung für Marthas sechsjährige Tochter Paula. Die ging seit Ostern zur Schule und wurde vom Lehrer in den höchsten Tönen gelobt