I
Hier saß ich nun. 35 und frisch geschieden. Mein Kabuff unter dem Dach eines Einfamilienhauses im Wedding, eine Isomatte, ein paar Kleider, keine Kohle.
Ich blickte mich im Raum um. Karg sah es aus, staubig. Ich hatte mir andere WG-Zimmer in dieser Preiskategorie angesehen. Dieses war das Einzige ohne Schimmel auf der Tapete, ohne sechsspuriger Zubringerstraße vor dem Fenster. Ohne sexuelle Dienstleistungen als Zuschuss zur Miete. Aber den Gedanken, mich gegen körperliche Liebe und einen kleinen Obolus dort wohnen zu lassen, hatten wohl alle über Bord geworfen, spätestens als sie mein Bein gesehen hatten.
Am Ende, schon völlig entkräftet, kam ich in diesem Haus an. Ein Mann weit von meiner Liga entfernt öffnete die Tür. »Du bist Annegold Erol?«
Ja, ich heiße wirklich so. Annegold. Jetzt wieder Erol. Auf Jobsuche. Bis auf Weiteres auf die Gunst meiner semireichen Eltern angewiesen. Der hübsche Typ reichte mir die Hand: »Ich bin Jakob. Komm doch rein.«
Ich verbarg mein Schlurfen nicht. Überraschenderweise schien er es gar nicht mitzukriegen. Wie er mir erzählte, war er Krankenpfleger, woraus ich schloss, dass er mit Menschen wie mir umgehen konnte. »Tja, möchtest du dir gleich das Zimmer ansehen oder erstmal einen Tee?«
Nach diesem Tag kamen mir bei seiner Freundlichkeit fast die Tränen, und Tee wäre klasse gewesen. Doch ich wollte erst das Zimmer sehen. Er dirigierte mich durch die kurze Diele zur Treppe. Eine steile Treppe. Ich biss mir auf die Lippen und folgte ihm dann, zog mein rechtes, steifes Bein die Stufen hoch. Während ich mich so am Geländer festklammerte, dachte ich darüber nach, dass er mir das Zimmer sowieso nicht geben würde und ich mich hier gerade völlig umsonst bloßstellte. Aber er gab es mir. Er fragte indes nicht einmal, ob ich einen Job hätte, nur nach meiner Familie und erwähnte, dass er von meinem Vater Jasper gehört hätte.
Das verwunderte mich nicht großartig. Er und meine Mutter Oda publizierten esoterische Bücher, alternative Medizin für die Gedanken oder sowas, und hatten einen Youtube-Kanal sowie eine ansehnliche Fangemeinde. Angefangen hatte es mit einem kleinen Kult, den sie betrieben, um die Trauer um ihren Sohn aufzuarbeiten - mittlerweile finanzierte ihre sogenannte spirituelle Wissenschaft, ihre Bücher und der Zubehör wie Schmuck und Figuren, ihr Leben. Jakob zeigte mir, dass er eines der Armbänder trug. Von meiner Gegenwart, von der Tochter seines Helden, schien er regelrecht begeistert zu sein. Dass ich meinem Namen zum Dank an etwas so Positives wie ein günstiges Zimmer herankam, war eine ganz neue Erfahrung. Und so saß ich hier. Müde - müder als gewöhnlich - von all den Absagen und den Blicken des heutigen Tages. Als ich noch verheiratet war, hatte ich von zuhause gearbeitet und war immer seltener rausgegangen. Ich hatte in den paar Jahren vergessen, wie tief die Blicke der Menschen bohren können.
Ich hörte ein Auto auf den Hof fahren. Ob das meine Eltern und meine kleine Nichte Gina waren? Die Türglocke schellte. Ich wartete. Mit einer Beinbehinderung wägte man sehr genau ab, wann es sich lohnte, aufzustehen. Ich vernahm Jakobs aufgeregte Stimme.