WAS SOLLEN WIR DA DRAUSSEN?
Das Leben ist zu kurz, um lange zu warten. Wobei, dieses Warten hier ist fantastisch. Ich sitze auf einer der Betonstufen, die vom Schiffsanleger hinauf zurBrücke 1 führen. Vom Wasser her weht ein leichter Wind, die Sonnenstrahlen fallen bündelweise durch die Lücken zwischen den Streben und Dachkonstruktionen um mich herum, nur wenige Meter entfernt schwappen die Wellen des Hamburger Hafens gegen den Anleger und versetzen ihn in ein kaum sichtbares Schaukeln.
Als ich gerade zwei Möwen beobachte, die sich um die heruntergefallenen Currywurst-Reste eines älteren Herren in Touristenmontur streiten, höre ich eine Stimme, die mir nicht vertraut ist, aber dennoch bekannt vorkommt: »Haste noch ’nen Euro für uns?« Einer der beiden Obdachlosen, mit denen ich mich eben in der S-Bahn unterhalten habe, beugt sich zu mir herunter und klopft mir auf die Schulter wie einem alten Freund. Aber noch ehe ich antworten kann, fährt sein Begleiter ihn so harsch an, dass es mir fast unangenehm ist: »Alter, der lebt doch selbst auf der Straße. Schnorrer werden nicht angeschnorrt.« Einen peinlich berührten Moment später sind die beiden wieder weg.
Sehe ich wirklich so runtergekommen aus? Unauffällig überprüfe ich mein Erscheinen. Das Einzige, was im Entferntesten verlottert rüberkommen könnte, ist mein 10-Tage-Bart. Aber ganz ehrlich, selbst der ist gepflegt. Dass ich sogar von Obdachlosen für einen Obdachlosen gehalten werde, kann also nur mit der Tatsache zusammenhängen, dass ich an einem viel frequentierten Ort mitten in der Stadt herumsitze, ohne in die Hektik all der anderen herumwuselnden Menschen zu verfallen. Mit Wanderschuhen und einem Rucksack, in dem all das verstaut ist, was man für Draußen-Nächte braucht. Vielleicht war es auch schon ungewöhnlich, so an den Landungsbrücken aus der Bahn zu steigen. Hier bricht heutzutage schließlich niemand mehr in die weite Welt auf, sondern höchstens zu einer der im Halbstundentakt startenden Hafenrundfahrten. Normalerweise fahren dicke Wanderrucksäcke in den Zügen derS1 mindestens bis zum Hauptbahnhof, wenn nicht sogar ganz durch bis zum Flughafen.
Bis eben war es für mich kein großes Ding, hier als mein unauffälliges Ich zu sitzen, das zufrieden vor sich hin wartet und einfach die Nacht unter freiem Himmel verbringen möchte. Jetzt denke ich darüber nach, wie außergewöhnlich das anderen möglicherweise erscheint. Dieser Gedanke macht eine durchaus interessante Perspektive auf – aber am Ende ändert er trotzdem nichts daran, wie wurscht mir die anderen in diesem Zusammenhang sind. Wenn du deinen Alltag mit mehr Leben aufladen willst, dann musst du bereit sein, Dinge anders zu machen. Anders, als du sie bislang gemacht hast, und anders, als es dem Setzkasten der meisten Menschen um dich herum entspricht. Auch wenn anders manchmal komisch rüberkommt.
Ich warte auf Cina. Ich weiß nur noch nicht, ob sie wirklich so heißt. Bereits vor einigen Wochen habe ich über Facebook zur#rausundmachenMittsommernacht aufgerufen. Die kürzeste Nacht des Jahres draußen verbringen, das ist die simple Idee dahinter. Ohne Zelt, jeder dort, wo er möchte. Deutschland-, ach was, europa-, meinetwegen auch weltweit (wobei es an diesem Tag natürlich nicht überall auch wirklich besonders lange hell bleibt, aber darum geht es am Ende auch gar nicht). Knapp 400 Menschen haben sich diese Idee in ihren digitalen Kalendern vermerkt. Heute ist es so weit. 21. Juni, Sommersonnenwende.
Nun ist es objektiv betrachtet nicht bahnbrechend, die Zimmerdecke für eine Nacht gegen den Sternenhimmel zu tauschen. Und es bräuchte eigentlich auch keinenFacebook-Aufruf, um das zu tun. Wenn, ja, wenn wir nicht so gefangen wären in unseren immergleichen Abläufen, wie wir es – ob uns das gefällt oder nicht – dann eben doch oft sind. Manchmal brauchen wir offenbar einen Anlass, und zwar unabhängig davon, wie plausibel, verheißungsvoll oder verrückt er ist. Oder jemanden, der sagt: An Tag X geht es los, diese Veranstaltung zu genau diesem Termin. Mitmachen! Anschubhilfe, ein Tritt in den Hintern. Vielleicht geht es bei dieser Mittsommernachtsidee aber auch nur um das schöne Gefühl, da