: Peter Wiesinger, Albrecht Greule
: Baiern und Romanen Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung
: Narr Francke Attempto
: 9783772002120
: 1
: CHF 36.20
:
: Sprach- und Literaturwissenschaft
: German
: 250
: Wasserzeichen
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: ePUB
Immer wieder wird versucht, die im 6. Jahrhundert auftretenden Baiern auf romanische Herkunft zurückzuführen, obwohl ihre Sprache und Dialekte germanischen Ursprungs sind. Als angebliche Zeugnisse dienen meistens die eingedeutschten Gewässer- und Ortsnamen antik-romanischer Herkunft. In dem bis 488 n. Chr. römischen Voralpenraum südlich der Donau vom Lech bis zur Enns in Bayern, Salzburg und Oberösterreich wurden gegenüber der Vielzahl rein deutscher Namen nur relativ wenige Namen antik-romanischen Ursprungs ins Bairisch-Althochdeutsche tradiert. Diese geringen Zeugnisse werden nach Etymologie und Eindeutschungszeit mit linguistischen Methoden analysiert und danach beurteilt, wann sie von den ersten germanisch-römischen Kontakten im 1./2. Jahrhundert an bis in die althochdeutsche Zeit längstens um die Mitte des 11. Jahrhunderts ins Althochdeutsche eingegliedert wurden. Daraus kann man schließen, dass das Romanische im Voralpenraum durchschnittlich und nur inselhaft bis ins beginnende 9. Jahrhundert und nur vereinzelt wie um die Stadt Salzburg auch noch bis gegen die Mitte des 11. Jahrhunderts fortlebte. Die Annahme angeblicher romanischer Herkunft der Baiern lässt sich weder mit Hilfe der Sprache noch der Namen erweisen und ist aufzugeben.

Prof. Dr. Albrecht Greule war von 1992 bis 2007 Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Regensburg und lehrt dort weiterhin Deutsche Sprachwissenschaft und Onomastik. Em. Univ. Prof. Dr. Peter Wiesinger war von 1972 bis 2006 Ordentlicher Universitäts-Professor für deutsche Sprache und ältere deutsche Lliteratur an der Universität Wien.

1.Die Baiern der Frühzeit und ihre Erforschung


1.1.Der Name der Baiern


Im Gegensatz zu den Namen germanischer Stämme, die später zu Deutschen wurden, wie der Alemannen, Franken, Hessen, Thüringer und Sachsen, die bereits den Römern bekannt waren und in ihrem Schrifttum seit dem 1. Jh. n.Chr. überliefert sind, tritt der Name der Baiern1 erst zwei Generationen nach dem Untergang des römischen Weltreiches erstmals 551 in der Gotengeschichte „De origine actibusque Getarum“ des Jordanes auf. Da das Werk des Jordanes auf der verlorenen Gotengeschichte des Cassiodor basiert, der Kanzler des Gotenkönigs Theoderich (475-526) war, wird bereits dort um 525 die Nennung erfolgt sein. Obwohl Jordanes eine Kriegssituation von Theoderichs Vater Theudimir in Pannonien von 469/70 beschreibt, schildert er jedoch das Lageverhältnis der Stämme, wie es zu seiner Zeit im heutigen deutschen Süden und in der Mitte bestand. So heißt es (280, 9ff.)2:

Nam regio illa Suavorum ab oriente Baiovaros habet, ab occidente Francos, a meridie Burgundiones, a septemtrione Thoringos.

Jenes Land der Suawen hat nämlich im Osten die Baiowaren, im Westen die Franken, im Süden die Burgundionen, im Norden die Thüringer zu Nachbarn.

Da das Werk des Jordanes erst in Handschriften des 8.–12. Jhs. überliefert ist, schwanken die lateinischen Nennungen des Baiernnamens alsBaibari,Baiobari,Baiovari,Baioarii, von denenBaiovari der zugrundeliegenden germanischen Namenform am nächsten kommt.

Erst eineinhalb Jahrzehnte nach Jordanes erfolgt 565 die nächste Nennung der Baiern. Sie bringt der Dichter und spätere Bischof von Poitiers Venantius Fortunatus in dem um 576 verfassten Vorwort zur Edition seiner Gedichte. Er brach im Spätsommer 565 von Ravenna aus über die Alpen zu einer Wallfahrt zum Grab des hl. Martin nach Tours in Gallien (Frankreich) auf und schreibt dazu (Pr. 4)3:

praesertim quod ego impos de Ravenna progrediens Padum, Atesim, Brintam, Plavem, Liquentiam Teliamentumque tranans, per Alpem Iuliam pendulus montanis anfractibus, Drauum Norico, Oenum Breonis, Liccam Baiuaria, Danuuium Alamania, Rhenum Germania transiens

zumal ich Dilettant, von Ravenna aufbrechend, den Po, die Etsch, die Brenta, den Piave, die Livenza und den Tagliamento durchschwamm, durch die Julischen Alpen auf schwankendem Steg, die Drau in Noricum, den Inn bei den Breonen, den Lech in Baiern, die Donau in Alemannien, den Rhein in Germanien durchschritt.

Als Variante zum LändernamenBaiuaria (liesBaiwaria) ist auchBauuaria (liesBawaria) überliefert.

Im 4. Buch seines 575/76 gedichteten Versepos „De virtutibus Martini Turonensis“, der Vita des hl. Martin von Tours, nennt Venantius Fortunatus dann die umgekehrte Abfolge der Reiseroute (IV, 640ff.) mit dem Volksnamen:

Si tibi barbaricos conceditur ire per amnes,

Ut placide Rhenum transcendere passis et Histrum,

Pergis ad Augustam, quam Virdo et Licca fluentant.

Illic ossa sacrae venerabere martyris Afrae.

Si vacat ire viam, necque te Boioarius obstat,

Qua vicina sedent Breonium loca, perge per Alpem,

Ingrediens rapido qua gurgite volvitur Oenus.

Wenn du die Möglichkeit hast, die barbarischen Ströme zu queren,

also den Rhein und die Donau in Ruhe durchschreiten zu können,

machst du nach Augsburg dich auf, wo Wertach und Lech sich ergießen.

Dort verehr die Gebein der heiligen Blutzeugin Afra.

Steht es dir frei, von da weiterzuziehen, und stört dich kein Baier,

geh durch die Alpen, wo nah die Orte des Breonenstammes liegen.

und betritt sie, wo der Inn sich mit reißendem Gischt wälzt.

Der in lateinischen Varianten überlieferte Name der Baiern, im Nominativ Singular in antiker TraditionBoioarius bei Venantius Fortunatus und im Nominativ Plural variabel überliefert alsBaibari,Baiobari,Baiovari,Baioarii