1. KAPITEL
Lara Templeton war froh, dass der schwarze Schleier ihre Augen vor neugierigen Blicken verbarg. Die Leute, die um das offene Grab herumstanden, mochten zu Recht vermuten, dass sie nicht wirklich um ihren Ehemann trauerte, den gar nicht Ehrenwerten Henry Winterborne, der ihr in diesem Moment keine Träne wert war. Doch sie würde sich hüten, ihnen den Beweis für die Richtigkeit ihrer Vermutung auf dem Silbertablett zu liefern. Den Triumph gönnte sie ihnen nicht.
Also hielt sie sich vornehm bedeckt, das Gesicht mit einem Schleier verhüllt und von Kopf bis Fuß in tristes Schwarz gekleidet. Ganz wie es sich für eine trauernde Witwe gehörte.
Eine trauernde Witwe, der ihr verstorbener Gatte nichts, aber auch gar nichts hinterlassen hatte. Und die während der letzten drei Monate kaum mehr als eine amtlich besiegelte Sklavin gewesen war. Ein Detail, auf das sich die sensationslüsterne Meute mit Freudengeheul stürzen würde, käme es jemals ans Licht der Öffentlichkeit.
Ihr Ehemann hatte sie nicht ohne Grund leer ausgehen lassen. Doch sie hätte sein Geld ohnehin nicht gewollt. Was immer auch die Leute von ihr dachten, sie hatte Henry Winterborne nicht seines Vermögens wegen geheiratet. Er hatte ihr nichts vererbt, weil er von ihr nicht das bekommen hatte, was er wollte.Sie. Es war ihre Schuld, dass er sich verletzt hatte und im Rollstuhl geendet war.
Nein, es warnicht ihre Schuld! Wenn er nicht versucht hätte …
Sie verdrängte die aufwühlenden Gedanken, als sie merkte, dass die Menge sie erwartungsvoll ansah. Der Pfarrer hüstelte diskret.
Obwohl es das Letzte war, was sie tun wollte, griff Lara nach der bereitliegenden kleinen Schaufel und warf eine Handvoll Erde auf den Sarg. Sie kam sich vor wie eine Betrügerin, als die Erde mit einem dumpfen Geräusch auf dem Sargdeckel landete. Einen irrsinnigen Moment lang glaubte sie, ihr verstorbener Ehemann würde die Hand aus dem Grab nach ihr ausstrecken und sie zu sich hinunterziehen. Sie taumelte, ihr Fuß trat ins Leere …
Ein entsetztes Raunen ging durch die Menge. Der Pfarrer packte Lara am Arm und hielt sie fest.
Unglaublich, dachte der Mann, der die Szene aus einiger Entfernung beobachtete, lässig an einen Baum gelehnt, die Arme vor der breiten Brust gekreuzt. Er ließ die trauernde Witwe keine Sekunde aus den Augen, während sie nicht ein einziges Mal zu ihm hinübersah. Kein Wunder, war sie doch vollauf damit beschäftigt, ihre Schau abzuziehen und sich praktisch ins offene Grab zu werfen.
Der Mann presste die Lippen zusammen. Eins musste er ihr lassen: Sie spielte ihre Rolle wirklich gut. Herzzerreißend, wie sie da stand in ihrem eng anliegenden schwarzen Kleid, das sich an ihren gertenschlanken Körper schmiegte, das leuchtend blonde Haar zu einem Knoten im Nacken geschlungen und einen kleinen runden Hut auf dem Kopf, dessen Schleier ihr Gesicht verhüllte.
Oh, er zweifelte nicht daran, dass sie ernsthaft trauerte. Allerdings nicht um ihren Ehemann, sondern um das Vermögen, das ihr durch die Lappen ging.
Der Mann verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. Lara Winterborne, geborene Templeton, hatte es nicht besser verdient.
Lara verspürte