Kapitel 1: Endlich on the road
07. Juni
Heidelberg - Jarplund
N 54°44’39.1" / E 009°28’11.5"
759 km
schönes Wetter, 20° C
»Na, min Jung? Nur tanken, oder willste auch was essen? ‘Ne Bockwurst vielleicht? Guck mal!«
Ich glaub’, mich tritt ein Pferd! Mit meinen dreiundfünfzig Jahren könnte ich locker ihr Vater sein. Wie spricht sie denn mit mir, wir kennen uns doch gar nicht? Trotzdem ist mir der fröhliche Vorschlag der jungen Kassiererin an einer Autobahntankstelle in der Nähe von Hamburg nicht unangenehm. Ganz im Gegenteil, was zu essen wäre jetzt gar nicht schlecht und deshalb nicke ich, sage »Gute Idee, mach mal, ich stell nur mein Moped weg«, und mache mich auf, um meine BMW auf dem freien Platz neben der Tankstelle zu parken.
»’Ne Cola dazu, damit du wieder fit wirst?«, ruft sie mir hinterher.
»Ja, alles klar.« Im Weggehen hebe ich die Hand in ihre Richtung, um anzudeuten, dass sie mir nichts weiter anzubieten braucht.
»Mach du mal die Zapfsäule frei, ich stell dir alles hier hin.«
Die ist ja geschäftstüchtig! Aber nett, und sie hat mich auch genau richtig eingeschätzt. Ok, um diese Uhrzeit ist es vielleicht zu erwarten, dass die Leute hungrig sind und sich gerne ein Mittagessen verkaufen lassen, trotzdem hat sie ihre Sache gut gemacht.
An der Zapfsäule wartet schon der nächste Kunde darauf, tanken zu können, deshalb beeile ich mich. Wie immer zu Tourbeginn noch etwas eingerostet, schiebe ich das rechte Bein umständlich und mühevoll zwischen dem riesigen Tankrucksack und der auf dem Soziusplatz festgezurrten Packrolle hindurch über die Sitzbank, sitze auf und lasse den Motor an. An das Gewicht des voll beladenen Motorrades muss ich mich erst wieder gewöhnen und so brauche ich zwei Anläufe, um meine Dicke Bertha vom Hauptständer zu wuchten. Voll getankt und mit Gepäck dürfte sie nun etwa 320 kg wiegen. Der Hauptständer klappt nach oben und die Maschine fällt schwer in die Federung. Wir sind halt beide nicht gerade leichtgewichtig unterwegs und ich hoffe, auf der heute begonnenen Reise ans Nordkap vielleicht ein wenig abnehmen zu können. Bertha hingegen sollte möglichst ihr Gewicht beibehalten und mit allen ihren Teilen wieder nach Hause kommen.
Neben der Tankstelle ist ein kleiner Bereich im Freien mit ein paar Tischen und Stühlen. Davor stehen zwei sportliche Motorräder, ihre Fahrer sitzen an einem Tisch und machen Pause. Sie liegen fast in den Stühlen, die sie in die Sonne gedreht haben, strecken Arme und Beine von sich und ihre Gesichter zum Bräunen in die Sonne, so als lägen sie am Strand von Mallorca und genössen den h