1. Kapitel
Das bunte Laub raschelte unter unseren Füßen, wie frierende Arme reckten sich die Äste der Bäume in die Höhe. Ein tröstlicher Sonnenstrahl wagte sich über den herbstlichen Wald.
„Gehst du morgen mit zur Demo, Leona?“ erkundigte sich meine Freundin Leni.
„Ich muss morgen arbeiten. Was ist denn los? Um was geht es da?“
Sie sah mich vorwurfsvoll an. „Es geht wie immer um den Frieden. Wir demonstrieren gegen den Krieg.“
„Schade, das ist auch mein Thema. Nachdem unsere Eltern diesen letzten, schrecklichen Krieg nicht verhindert haben, sind wir jetzt an der Reihe und werden allen zeigen, wie man es besser macht.“
„Auf jeden Fall“, stimmte mir Leni zu. „Und da gibt es immer verschiedene Möglichkeiten. Frei nach dem Satz: Stell dir einmal vor, es gibt Krieg und keiner geht hin. Oder durch große Aufklärungskampagnen, so wie man es in unserer Schulzeit schon verschiedentlich begonnen hat.“
„Richtig! So etwa zweimal im Monat haben wir Dokumentationsfilme vom letzten Weltkrieg gesehen. Da konnte man das Gruseln lernen. Gewalt, Verletzte, Tote, brutale Verbrechen und natürlich überall zerstörte Städte. Ich kann dir gar nicht sagen, was ich alles für Gefühle hatte. Gänsehaut und Magendrücken, und in der Brust ist es mir auch ganz eng geworden. Es gab wahrscheinlich keine von uns in der Klasse, die sich nicht im Stillen gesagt hat: So etwas darf nie wieder passieren.“
Leni nickte. „Mein Bruder ist davon nicht überzeugt. Er wird demnächst Soldat und glaubt, dass sich die Völker gegenseitig die Zähne zeigen müssen, damit sie vor dem Krieg Angst haben. Ich weiß noch, als er klein war, wollte er zu Karneval unbedingt ein Cowboy sein und eine Pistole haben, aber Mama hat ihm keine gekauft, weil sie generell gegen Waffen ist.“
„Vielleicht hat er jetzt einen Nachholbedarf“, vermutete ich. „Es könnte sein, dass er dann selber bei den Übungen dort sieht, wie schrecklich diese Kriegsspiele sind.“
„Ja, das hoffe ich. Denn wir können nicht wieder alles auf später verschieben und von unseren Enkeln einmal erwarten, dass sie eine bessere Welt schaffen. Wir haben jetzt die Gelegenheit, wir können daran arbeiten. Kannst du dir nicht morgen freinehmen in der Buchbinderei und stattdessen mitkommen?“
„Unmöglich, Leni! Wir bekommen morgen eine ganze Partie Bücher von der Universität, und zwei Kolleginnen von mir sind krank, außerdem haben wir noch ein paar Lederbände zu restaurieren und zwei Fotoalben herzustellen. Das sind alles Terminarbeiten. Mein Chef würde mir den Kopf abreißen.“
Der Wald vor uns lichtete sich, auf einer großen Wiesenanlage grüßte uns im spärlichen Sonnenschein das Garten-Restaurant „Waldau“. Hinter den großzügigen Spielplätzen mit knorrigen Kletterbäumen standen verregnete Gartentische aus Metall, umrahmt von Gartenstühlen, die sich wie traurige Gerippe hilflos gegen die Tischplatten lehnten.
„Ich gehe morgen einfach mal nicht zu der Vorlesung“, verriet mir Leni. „Bald haben wir sowieso Semesterferien, dann wird es etwas ruhiger. Nehmen wir einen Tee da drinnen?“
„Den kann ich mir gerade noch leisten. In drei Tagen gibt es wieder Geld, da füllt sich mein Konto wieder auf.“
„Ich lade dich ein, Leona! Solange ich noch bei meinen Eltern wohne, verwöhnt mich mein Vater noch immer ganz schön mit Taschengeld. Er ist ganz stolz auf mich, dass ich studiere. Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass du jetzt in der Buchbinderei arbeitest, obwohl du doch nicht dumm bist. Du könntest auch Lehrerin werden wie ich.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, mein Traum ist es, Schauspielerin zu werden. Das weißt du doch. Aber der Weg dorthin ist eben für mich lang. Erst mache ich meine Lehre zu Ende, dann gehe ich auf die Kunsthochschule in Köln. Und wenn ich das erst mal geschafft habe, dann werde ich meinen Vater schon überzeugen, dass ich ein gewisses Talent habe, und dieser Beruf sehr anständig ist.“
Sie lächelte verständnisvoll. „Ich glaube, davon wäre mein Vater auch nicht begeistert, wenn ich ihm sagte, dass ich Schauspielerin werden will. Nicht, weil er etwas gegen diesen Beruf hat, sondern weil man schon ziemlich berühmt sein muss, um damit gutes Geld zu verdienen.“
Das kleine Schild mit der Aufschrift „Geöffnet“ zeigte uns am Eingang des Restaurants, dass wir den weiten Weg nicht umsonst hinter uns gelegt hatten. Wir traten in den stilvoll eingerichteten Raum, der sowohl von den nostalgischen Wandlampen als auch von Kerzen auf den mit weißen Tischtüchern bedeckten Tischen beleuchtet wurde.
„Geld ist nicht alles“, fand ich. „Ein Beruf, der dir wirklich Spaß macht, der dir liegt, und der dein Traumberuf ist, das ist viel mehr wert, als viel Geld zu verdienen.“
Sie sah mich skeptisch an. „Wenn wir etwas für den Frieden tun wollen, dann musst du schon mehr tun. Es gibt ganz viele Kitschfilme, die fast gar keinen Unterhaltungswert haben. Jetzt nach dem Krieg hätten sie die Gelegenheit, viele Filme zu produzieren, die die Menschen zum Frieden erziehen.“
Wir setzten uns in eine gemütliche Ecke und bestellten uns Pfefferminztee bei der freundlichen Bedienung.
„Ich habe keinen Einfluss auf die Filme, in denen ich mitspielen werde, aber vielleicht kann ich mir aussuchen, in welchen ich eine Rolle übernehme.“
Aus dem Lautsprecher ertönte ein Blues von Louis Armstrong, Leni wiegte sich dazu leicht hin und her. „Wo gehen wir morgen Abend tanzen? Im „Violetta“ oder im „Old Saddle“?“
„Hast du denn dazu überhaupt noch abends Lust, wenn du den ganzen Tag bei der Demo warst?“
Sie lachte. „Dazu doch immer! Das weißt du doch! Also, wohin gehen wir?“
Ich überlegte. „Das Violetta erinnert mich noch zu sehr an Paule. Dort waren wir immer tanzen, ein schönes Paar. Er mit schwarzer Hose und weißem Hemd und ich in meinem weißen Minikleid mit den Spitzen. Das leuchtete ganz schön im violetten Licht.“
„Aber im Old Saddle müssen wir ein Gedeck bezahlen, da gibt es keine einzelnen Getränke.“
„Keine Sorge, Leni! Heute lädst du mich zum Tee ein und ich dich morgen zum Gin-Fizz. Ich habe auch noch etwas im Sparschwein. Die haben auf jeden Fall gute Musik, viel Blues und Foxtrott.“
„Ja, ich überlege auch noch. Vielleicht gehen wir doch lieber woanders hin. Im Old Saddle sind oft nur Pärchen und die einzelnen Männer sitzen an der Theke und trinken. Was hältst du vom Sixteenhundred-Club?“
Ich verzog das Gesicht. „Nee, ich finde das immer so makaber, wenn man da hinuntersteigen muss in dieses tiefe Loch, wo vor dem Krieg einmal der Keller eines Hauses gestanden hat. Da kommen mir immer so grausige Bilder in den Kopf. Dann gehen wir doch lieber ins Piccadilly. Am Rhein ist zwar auch noch die Datscha, aber die Männer dort sind zu alt für uns.“
„Da gehen auch viele Verheiratete hin“, wusste Leni. „Auch ohne ihre Frauen. Und die schleppen dann immer junge Mädchen ab.“
„Nein, danke! Das muss ich nicht unbedingt haben.“
Leni lachte und sah mich etwas mitleidig an. „Du träumst ja immer von einem besonders netten Ehemann und einer Familie mit vielen Kindern, stimmt’s? Wie willst du das denn mit deinem Beruf als Schauspielerin verknüpfen?“
„Das geht doch. Schau dir doch mal die Magda Schneider an! Sie hat ihre Tochter auch mit zum Film gebracht. Die spielen sogar zusammen. Besser kann es gar nicht sein.“
Die Bedienung brachte uns weiße Porzellankännchen mit heißem Wasser, zwei Tassen, die Teebeutel und hübsch eingepackte Stücke Würfelzucker. Auf jedem Papier prangte ein Bild der „Waldau“.
Leni sah der jungen Frau nach. Sie zeigte auf die weiße Leinenschürze, die sie mit einer Schleife auf dem Rücken zusammengebunden hatte. „Schau mal, wie die Spitzen gestärkt sind, bestimmt mit der neuen Wäschestärke.“
Wir versenkten die Teebeutel im heißen Wasser.
„So kommt unsere Bett- und Tischwäsche immer von unserer Wäscherei“, wusste ich. „Ich mag das, wenn der Mann mit dem Lieferwagen kommt und all das gestärkte Leinen in unserer Halle auf den Tisch legt. Es duftet immer so frisch.“
„Meine Mutter wäscht das alles selbst, das ist schon allerlei Arbeit. Aber ich erinnere mich noch gut an meine Großmutter, die hat die weiße Wäsche immer zum Bleichen auf die Wiese gelegt. Kannst du dich daran noch erinnern?“
Ich nickte. „Ja, und an das viele Eingemachte, und an die Hühner von meinem Opa und die Kartoffelkäfer auf den Feldern. Ich erinnere mich an die bunten Bohnen, die mein Großvater trocknete, von denen sich meine Schwestern und ich immer eine Hand voll erbettelten, um uns daraus Ketten zu basteln.“
Leni lächelte. „Wir sind nach dem Krieg geboren, Gott sei...