Erstes Kapitel
Es war noch hell, als Shaw Dance zu Abend aß, das Geschirr abwusch und sein Blockhaus tadellos aufräumte. Dann ging er hinaus, setzte sich auf die Veranda vor der Tür, legte seine geladene Winchester-Flinte über die Knie und wartete und sah zu, wie die Schatten länger wurden. Shaw Dance lebte ganz für sich allein auf halber Höhe eines Berges, der so steil und felsig war, dass bis jetzt noch niemand seinen Gipfel erklommen hatte.
Shaw Dance war noch nicht alt, kaum dreißig, aber er wirkte älter. Er war genau eins achtzig groß, breitschultrig und muskulös, aber schlank. Sein kantiges Gesicht wirkte verschlossen.
Shaw besaß viel Geduld, um zu warten; er wartete schon seit sechs Nächten, und heute hatte ihn den ganzen Tag lang die Vorahnung verfolgt, dass er nun nicht mehr sehr lange warten musste.
Ein Bach floss hinter Shaws Blockhaus. Ein Stück weiter bergauf ergoss sich ein Wasserfall aus einer verborgenen Quelle. Dicht daneben lag der Eingang zu Shaws Bergwerk: ein Stollen, der tief in den Berg hineinführte und aus dem Shaw nur so viel Gold herausholte, wie er unbedingt zum Leben brauchte. Die Hauptader rührte Shaw nicht an. Er wusste genau, welche ungeheuren Mengen Gold dort lagen, aber er hatte es niemandem verraten. Dance gehörte nicht zu den Menschen, die andere ins Vertrauen ziehen.
Die Tatsache, dass Shaw Dance hier eine Goldader entdeckt und ein kleines Bergwerk angelegt hatte, war allerdings kein Geheimnis für die Leute von Summit, dem Ort unten im Tal. Aber der einzige Pfad, der hier herauf führte, war aus dem nackten Gestein herausgeschlagen und kaum breit genug für ein beladenes Maultier. Der erste Mann, der versuchte, ohne Shaws Zustimmung und vielleicht auch noch bei Nacht herauf zu klettern, stürzte unweigerlich ab und brach sich das Genick. Deshalb konnte Shaw Dance sein Bergwerk unbesorgt unbewacht lassen, wenn er hin und wieder einmal nach Summit hinunter musste.
In dem Pfad lag außerdem nicht die einzige Gefahr, die Eindringlingen drohte. Vor zwei Jahren kam ein Mann dem Bergwerk gar zu nahe. Shaw Dance brachte ihn auf seinem zweirädrigen Karren wieder hinunter ins Tal, und der Richter erklärte, dass ein Mann, der nicht genug Verstand im Kopf hatte, um seine Finger von anderer Leute Grubenrechte zu lassen, nichts Besseres verdient habe.
Heute Abend wartete Shaw Dance darauf, wieder einen Mann zu erschießen, aber diesmal lag die Sache ganz anders. Frank Slate wollte nicht das Gold. Sein Vater, der alte Christian Slate, hatte genug Geld, um den ganzen Berg zu kaufen, und war seinen vier Söhnen gegenüber äußerst großzügig. Schon so lange die Leute sich zurückerinnern konnten, gehörte Christian Slate das ganze reiche Tal: Slates Vieh beanspruchte sämtliche Weiden; Slate-Cowboys sorgten dafür, dass sich kein Fremder niederließ; und lange Zeit lebte der ganze Ort Summit nur vom Slate-Geld.
Frank Slate hatte überhaupt gar nichts auf dem Berg verloren. Er wollte nur Shaw Dance vertreiben. Er handelt wie ein dummer Junge, der zusieht, wie ein anderer über einen Zaunbalke