Samstag, 15. Juli
21.30 Uhr
Die junge Kaiserin schwebte langsam nach oben. Das Licht brach sich in ihrem Haarschmuck und ließ die kristallenen Sterne in allen Farben des Spektrums aufblitzen.
»A geh, so a Blödsinn«, ließ sich eine gedämpfte männliche Stimme ein paar Reihen hinter Josi vernehmen. »Die Sissi – zuerst am Seil und dann auch noch auf’m Trapez!«
»No ja, aber fesch ist sie schon«, stellte ein anderer Theaterbesucher fest, vermutlich der Sitznachbar.
»Psst«, zischte eine Dame, die ebenfalls im mittleren Block vor der großen Freilichtbühne saß. »Jetzt seien S’ doch amal ruhig!«
Auch Josi war kurz davor gewesen, eine entsprechende Bemerkung loszulassen. Die kommentierenden Nervensägen hatten sie aus der Traumwelt gerissen, in der sie gerade noch versunken gewesen war. Dabei hatte sie gar nicht erwartet, dass sie von der Aufführung so fasziniert sein würde. Schließlich hatte sie die letzten Wochen über die beiden Sissi-Doubles Yvonne und Antonella bei den artistischen Proben beobachtet, unzählige Fehlversuche miterlebt, den Schweiß und den schweren Atem der Artistinnen hautnah mitbekommen. Aber das mystische blaue Licht, die fantasievollen Kostüme und die Musik verzauberten sie – wie wohl die meisten Besucher dieser ganz besonderen Open-Air-Version der OperetteDas Feuerwerk. Der leicht morbide Charme des früheren kaiserlichen Sommersitzes, über dem der Duft des Juliabends hing, tat ein Übriges.
Fesch war sie wirklich, die Yvonne, wie sie da im hauchdünnen weißen Kleid auf der silbern glänzenden Stange sitzend nach oben glitt, während die bunte Gauklerschar zu ihren Füßen in alle Richtungen zerstob.
Die Musik wurde lebhafter. Yvonne-Sissi lachte laut auf, dann versetzte sie ihr Trapez in Schwung. Ihr langes Haar flog hinter ihr her.
Josi war die Nummer so vertraut, als hätte sie jede einzelne Bewegung inhaliert. Yvonne musste nervös sein, die Tricks wirkten nicht so leicht und fließend wie bei den Proben. Aber alles klappte.
Beifall brauste auf, einmal, noch einmal, bei jedem neuen Kunststück.
»Geh, wui!«, machte sich eine der Nervensägen erneut bemerkbar. Es folgte ein noch energischeres »Psssssst!« von der Dame, und diesmal auch ein giftiger Blick von Josi.
Yvonne war wieder zum Sitzen gekommen. Josi spürte ein Kribbeln in der Magengegend, das sich verstärkte, während die Schwünge immer weiter und kräftiger wurden.
Die Musik brach ab. Einen Augenblick lang war es so still, dass man sogar das leise Quietschen der Trapezaufhängung hören konnte. Dann setzte der Schlagzeuger zu einem Trommelwirbel an.
Josi ballte die Hände zu Fäusten, bis ihre Fingerknöchel weiß waren. Gleich würde Yvonne sich von der Stange lösen, um sich aus dem rasenden Flug heraus im letzten Moment mit den Füßen in den Seilen zu fangen.
»Jetzt!«, flüsterte Josi und hielt den Atem an.
Im selben Moment ließ die Artistin los.
Wie ein Geschoß ohne Ziel wurde ihr Körper durch die Luft katapultiert, klatschte auf der rechten Seitenbühne mit enormer Wucht auf den Bretterboden und blieb regungslos liegen.
»Yvonne! Nein!«, schrie Josi und rannte los.
Im Publikum brach nach einem Augenblick der Erstarrung Tumult aus. Zuschauer sprangen von ihren Sitzen hoch, einige kreischten laut auf.
Josi kämpfte sich zwischen den Menschen hindurch nach vorn.
»Dr. Roth, bitte«, hörte man eine Stimme von irgendwo aus dem Off. »Der diensthabende Arzt, Dr. Roth, bitte!«
Der Arzt war bereits unterwegs. Die Bereitschaftstasche unter dem Arm, nahm er die Stufen zur Bühne in zwei, drei kräftigen Sätzen.
Josi folgte ihm.
Einer der schwarz gekleideten Arbeiter trat ihr in den Weg. »Halt, hier können Sie nicht …«
»Ich kenne Yvonne. Lassen Sie mich bitte durch!«
Erstaunlicherweise trat der Mann zur Seite.
»He«, rief er einem Kollegen zu, der gerade an ihm vorbeiwollte. »Hilf mir mal.« Er deutete auf eine Kulisse, und die beiden schoben sie schnell vor die reglos auf dem Boden liegende Trapezakrobatin, sodass auch