: Reimer Boy Eilers
: Das Helgoland, der Höllensturz Oder Wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet, obwohl die Dreizehenmöwen hier mit Rosinen gegessen werden
: Kulturmaschinen Verlag
: 9783967630596
: 1
: CHF 6.20
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 570
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Rote Klippe im Anfang des 16. Jahrhunderts. Ein fremder Kapitän stürzt die Treppe zum Oberland hinunter. Er stirbt, ohne die Sakramente empfangen zu haben. Vorsichtshalber werden ihn die Helgoländer in den wilden Dünen begraben - bei den Wasserleichen auf dem Friedhof der Namenlosen. War es ein Unglück oder liegt ein teuflisches Verbrechen vor? Der junge Fischer Pay Edel Edlefsen will sich allein mit der Wahrheit zufrieden geben. Das könnte schlimm für ihn enden, wenn er nicht einen Freund an seiner Seite hätte. Den Esquimeaux und Robbenjäger John Qivitoq McLeod hat es auf der Suche nach seinem Vater, einem schottischen Missionar, ausgerechnet nach Helgoland verschlagen.

Robbenfett und böse Beulen

Da Loosche schunge man, wan e Rooge wakst.

Die Lerchen singen nur, solange der Roggen wächst.

(friesische Weisheit aus der Bökingharde, auf dem Festland)

Der Freund des Opfers hob ein Stück Treibholz auf. Es war ein kurzer kräftiger Ast wie eine Keule. Das Holz war grau und glatt, gebeizt und abgeschliffen vom Seewasser – bis auf eine kleine Stelle. Sie war rotbraun von getrocknetem Blut und verziert mit Haut und Haaren.

 

»Du hast eine böse Beule«, sagte Qivitoq. »Wir sollten nach Hause gehen und sie mit Robbenfett-mik bestreichen.«

»Du mit deinen Robben … So etwas haben wir nicht zu Hause.«

»Aber ich, mein Freund. So ein schönes Fett-mik sollte man immer zur Hand haben. Wer hat dir das angetan?«

»Der Schlag kam von hinten.«

»Das sehe ich. Trine hat mich heute früh gebeten, auf dich aufzupassen.«

»Na, das hast du wunderbar hingekriegt. Was ist denn in Trine gefahren?«

»Ja, schau an, deine Schwester-mik wollte selber mit dir ­sprechen. Gleich nach dem Aufstehen. Da warst du nicht im Glücklichen Winkel.«

»Ich war in der Klippe. Brauntang suchen.«

»Trine war beunruhigt. Und jetzt haben wir den Salat-mik. Vielleicht hat sie Vorahnungen wie ein guterAngekoq

»So früh am Morgen hast du mit Trine zu schaffen? Wie hab ich das zu verstehen? Ich meine, sie muss dem Gouverneur aufwarten. Und du? Schläfst du nicht bei den Soldaten? Du bist doch der Bursche des Majors …«

»Natürlich schlafe ich auf der Landsknechtstube.«

»Will ich hoffen, alter Schwede.«

»Alter Schwede?« Die Miene des Grönländers war ein Fragezeichen.

Pay Edel winkte ab, so gut er es vermochte.

»Keine Besuche auf der Nachtweide, verstanden? Hände weg von meiner Schwester! Hab heute Mittag selber mit Trine ge­redet, das genügt. Und gib ihr nicht so ausländische Beinamen. Angekoq, uh …«

Qivitoqs Züge lösten sich, das Menschenkind, lachte. Er schüttelte den Kopf und gluckste. Seine Augen verengten sich zu winzigen Schlitzen. Zwei Reihen blendend weißer Zähne teilten sein Gesicht.

»Das ist nicht komisch«, sagte Pay Edel.

»Ist es wohl.«

»Wir suchen einen Mörder«, sagte Pay Edel.

»Das weiß ich. Den Mörder-mik des Kapitäns. Kann sein, es ist der Gleiche. Ich meine, der dir eins über die Rübe-mik gezogen hat.«

Pay Edel holte Luft für eine längere Antwort. Dann atmete er langsam aus. Der Helgoländer Fischer hatte das Gefühl, als ob ihn eine schwere Brandungssee erwischt hätte. Als Junge war er einmal beim Sturm ins Wasser geraten, nicht weit von hier. Die Welle hatte ihn herumgewirbelt und mit dem Bauch auf den steinigen Grund geworfen, bevor sie ihn weiter mit sich gerissen und ihn schließlich am Strand wieder ausgespuckt hatte. Das gleiche flaue Gefühl im Magen, plötzliche Übelkeit, die Benommenheit und der Schwindel.

Falls er das irgendwann richtig verstanden hatte, war derAnge­koq ein Bursche, der Robbengeister sah. Und andere dieser Ungesichte und N