2. Warum Coaching – und keine Therapie?
Eines Tages wurden wir auf dem Weg vom Auto zu unserem Hauseingang von Oliver, einem elfjährigen Nachbarjungen, aufgehalten: „Stopp!“ rief er, breitete die Arme aus und stellte sich uns in den Weg. „Wusstet ihr schon, dass ich in Chemie eine Eins habe?“ Die „1“ ist im deutschen Schulsystem die Bestnote überhaupt. Wir freuten uns gleich mit ihm und fragten, wie er das geschafft habe. Schnell stellte sich heraus, dass er jetzt einen ganz tollen Lehrer hat, bei dem Chemie so viel Spaß machen würde. Dabei war Oliver auch in der Grundschule nie ein typischer Einsen-Schreiber gewesen. Hier zeigt sich zum Thema „Chemie“ eine doppelte Wirkung: Die emotional positiv aufgeladene Beziehung zum Lehrer setzte in Olivers Neurobiologie alle Nervenbotenstoffe frei, die das Großhirn beim optimalen Funktionieren unterstützen.
Denn das Großhirn eines Menschen ermöglicht in jedem Alter sowohl unser kognitives Leistungsvermögen als auch eine optimale Körperbeherrschung – es muss nur „eingeschaltet“ sein, vereinfacht ausgedrückt. In der englischen Sprache gibt es für den optimal „eingeschalteten“ Modus des Großhirns den Begriff „Brainwave“, das heißt so viel wie „tolle Idee“, „Geistesblitz“. Auch im Deutschen spricht man davon, dass einem Menschen ein „Licht“ aufgegangen sei oder dass er „erhellende“ Gedankengänge habe. Coaching möchte bewirken, dass Menschen jeden Alters nicht nur Fähigkeiten erlernen und trainieren, sondern dass diese inneren Möglichkeiten auch mit den optimalen mentalen „Brainwaves“ kombiniert sind. So steigt die Chance, dass die inneren Potenziale auch wirklich ausgelebt werden: Der Schüler kennt seine Vokabeln nicht nur zu Hause auswendig, sondern auch im Test, der Sportler zeigt nicht nur im Training die Höchstleistung, sondern auch in der offiziellen Meisterschaft, und gute Argumente werden redegewandt und selbstbewusst ausgetauscht, anstatt dass der Sprachfluss im entscheidenden Moment versiegt.
Abbildung 2: So wirken „erhellende“ Brainwaves.
Der tolle Lehrer von Oliver war kein Therapeut, der psychisch einschränkende Symptome behandelt. Und Oliver war kein Patient, der unter chronischen Ängsten und Depressionen leidet. Der besagte „chemischer Zauber“ entwickelte sich in einer beflügelnden emotionalen Atmosphäre, die im Alltag der Schule Olivers Leistungsvermögen wecken konnte. Die Betonung liegt auf „wecken“, denn das Chemie-Talent war schon in Oliver vorhanden, bevor er den Lehrer kennenlernte. Im Leistungssport kennt man den Begriff „Coaching“ schon seit Jahrzehnten. Auch hier versteht man unter diesem Begriff nicht nur ein reines mechanisches Üben, sondern vor allem auch eine positive Motivation für das Erreichen der gesteckten Ziele.
Coaching wird also im „normalen“ Alltagsleben eingesetzt, um Herausforderungen mit Freude, Begeisterung oder auch mit Mut und Entschlossenheit annehmen zu können. Die Interventionen für das Erreichen dieser Enjoyness erfolgen idealerweise punktgenau zum Geschehen. Soll übermorgen ein wichtiger Vortrag gehalten werden, kann schon heute oder morgen ein kleines Coaching den entscheidenden Motivationsimpuls geben, um sich beim Auftritt sicher zu fühlen. Und gelingt dann der Vortrag, stärkt der Effekt das Selbstwirksamkeitserlebnis, und der nächste Auftritt verläuft auch ohne Coaching erfolgreich. Man nennt dieses selbstwirksame Ausbreitungsphänomen positiver Erlebnisse „Generalisierung“. Es ist auch völlig o.k., wenn bei neu auftauchenden Themen wieder ein Coaching in Anspruch genommen wird: Auch Sportler und Politiker konferieren immer wieder mit ihren Coac