2. Zurückgehen: ein Blick auf unsere Entwicklung
„Wir gingen über die ökologischen Gegebenheiten hinaus, die uns geschaffen hatten, und begannen, uns selbst zu schaffen.“22
(Ronald Wright, kanadischer Geschichtswissenschaftler und Schriftsteller)
Der moderne Büromensch geht durchschnittlich drei bis fünf Kilometer pro Woche zu Fuß. Das sind pro Tag maximal 1.500 Schritte. 10.000 bis 12.000 Schritte, also sechs bis sieben Kilometer wären zu empfehlen, um gesund zu bleiben, so lautet der Ratschlag der Weltgesundheitsorganisation WHO. Schrittzähler-Apps nehmen einem das aufwendige Zählen zuverlässig ab. Es ist interessant herauszufinden, wie viele Schritte bzw. Kilometer man selbst täglich zurücklegt. Prinzipiell ist der Bewegungsbedarf von Mensch zu Mensch verschieden. Wenn man bedenkt, dass unsere Vorfahren aus vormodernen Kulturen als Jäger und Sammler 20 bis 40 Kilometer am Tag für ihr Überleben zurücklegen mussten und dass unser Körper bis heute für diese Strecken angelegt ist, wird schnell klar, dass uns die heutige Bewegungsarmut nicht guttut. Zwar bewegen wir uns rasend schnell mit dem Auto, dem Flugzeug, dem ICE oder gar in virtuellen Räumen. Rasant beschleunigt sich auch das Lebenstempo, mit dem wir all unseren selbst- und fremdbestimmten Aktivitäten nachgehen. Doch dieser Mix aus Beschleunigung, dem immer schnelleren und flüchtigeren „Konsum“ von Events und moderner Bequemlichkeit ist für unser Wohlbefinden nicht förderlich. Sportliche Aktivitäten sollen helfen, die entstehenden körperlichen Folgeschäden abzufedern. In Fitnesscentern werden Körper gezielt gestählt oder bei Extremsportarten weitere Kicks und Ablenkung vom Alltag gesucht. Das alles muss in den übervollen Terminkalender eingearbeitet werden, was dazu führt, dass beruflicher Stress unmittelbar in Freizeitstress übergeht. Dass Yoga-Studios und Achtsamkeitskurse zunehmend als Alternative zum zielorientierten Leistungssport aufgesucht werden, ist Ausdruck unserer tiefen Sehnsucht nach Sinn und Entschleunigung, vielleicht auch eine unbewusste, eher ahnende Erinnerung an unsere Ursprünge. Wenn wir weit in die Geschichte zurückgehen, lernen wir, dass der Mensch die längste Zeit als Fußgänger unterwegs war und der aufrechte Gang quasi zur naturgegebenen Ausstattung des Menschen gehört.
2.1 Vom Vierfüßler zum Zweifüßler
Gehen ist eine Bewegungsform von Tier und Mensch, wobei das Tier freiwillig nicht spazieren geht, außer ein Mensch bringt es dazu. Der Spaziergang ist uns Menschen eigen, also ein Menschengang. Wie kam es dazu? Wir modernen Menschen und unsere Vorgängergattungen bilden die Familie der Hominiden. Unser gemeinsames Merkmal ist jene Errungenschaft, ohne die es keinen Fußgänger und damit keinen modernen Menschen gäbe: der aufrechte Gang auf zwei Beinen. Unsere körperlich-geistige Entwicklung erstreckte sich über mehrere Millionen Jahre, wobei Wissenschaftler davon ausgehen, dass die Evolution und Verbreitung des Menschen nicht ausschließlich zielgerichtet verlaufen sind. Der Zufall ist ebenfalls ein Element der Evolution:
„Nach Darwin entstanden die Arten durch Variation und Selektion. Heute wissen wir, dass Variationen durch Mutationen in der Erbsubstanz, der DNA, hervorgerufen werden. Die Kernaussage ist, dass diese Mutationen nicht zielgerichtet sind, das heißt ihr Auftreten unabhängig davon ist, ob eine Mutation günstig für die Weiterentwicklung ist oder nicht.“23
Die ersten Fußgänger sind somit das erfolgreiche Resultat eines vom Anpassungszwang an die Umweltbedingungen getriebenen Trial-and-Error-Prinzips.
„Unsere Art könnte sich statt in einem wohldefinierten Ursprungszentrum auf eine diffuse Art über den ganzen afrikanischen Kontinent verstreut entwickelt haben. (…) Afrikanische DNA enthält Echos einer komplexen Geschichte mit Spuren frühzeitlicher Migrationen durch Subsahara-Afri