: Peter Jäger
: Herzklopfen im Herbst Lebenslust zählt nicht die Jahre
: Kadera-Verlag
: 9783948218119
: 1
: CHF 6.10
:
: Erzählende Literatur
: German
Henriette ist siebzig und engagiert sich im Seniorenkreis, wo man sie Henny nennt. Sie hat den Schmerz überwunden, dass ihr Mann nicht mehr lebt. Der Sohn hat seine eigene Familie, die Enkel wollen die Welt entdecken. Auch Henny möchte nicht vom Sessel aus die Zeit verstreichen lassen. Sie hat noch Lust am Leben - das auch mit Siebzig-plus noch viel zu bieten hat. Nach der Reha sind nicht nur ihre Beine wieder fit. Auch das Herz schlägt wieder in einem fröhlichen Takt. Das liegt an Ole, den sie mit ihrem Charme eingefangen hat. Doch nicht allein die neue Liebe sorgt für Herzklopfen. Da ist der ältere Bruder Willi, der in Demenz nur noch seine Schwester kennt. Der Sohn hat Pläne mit dem alten Haus, das sich zudem als nicht einbruchssicher erweist. Und die anvertraute Hündin reißt auf der Hundewiese aus?... Allzeit keine Langeweile. Schließlich hat auch Ole noch ein Anliegen. Ruhiger Lebensabend? Vielleicht später. Denn Lebenslust zählt nicht die Jahre.

Es war eine Odyssee durch viele Berufe, die der 1940 in Stettin geborene PETER JÄGER durchreiste. Im Hamburger Hafen packte er ebenso zu wie in einer Druckerei. Als Bankangestellter fühlte er sich mit Schlips und Anzug overdressed und entdeckte seine Berufung als Lokalreporter und und freier Journalist. Doch die Lust am Schreiben war mit der Zeitung nicht gesättigt, so schrieb er Kinderbücher: »Vierbeiner auf Probe«, »Die Wiese gehört uns!« Bei der historischen Recherche zu Stadtteil-Chroniken reifte die Idee des Hamburg-Romans »Kalte Wasser«. Es folgten moderne Engel-Märchen und mit »Eddie will leben« der zweite Roman, in dem der technische Wandel einer Branche zur Herausforderung neuer Lebensplanungen wird. - Peter Jäger lebt in Quickborn in unmittelbarer Hamburg-Nachbarschaft.

Die Heilkraft der Liebe

Heiner Köhler ist ein sportlicher Typ – groß, schlank, offen für Kontakte. Mit gegeltem Haar und flottem Polohemd könnte man ihn für einen Tennisprofi halten. Henny ist stolz auf ihren Sohn und freut sich, dass er sie an diesem Sonntag zur Eröffnung der Grillsaison auf seiner Terrasse eingeladen hat. Zur Mittagszeit zieht ein betörender Duft vom Gasgrill in die Küche, wo seine Frau Andrea und Henny leckere Beilagen zubereiten.

Andrea hat zwei mit Knoblauchbutter bestrichene Weißbrotstangen in den Backofen geschoben, die sie wachsam kontrolliert, bis sie eine knusprige Bräune erreichen. Unterdessen wendet ihre Schwiegermutter einen bunten Salat im pikant angerichteten Dressing und streut als köstlichen Abschluss Oliven und gewürfelte Fetastückchen darüber. Dann huscht sie ins Bad, um sich noch etwas aufzuhübschen.

»Bin gleich wieder zurück.«

Heiner scheint zeitgleich das Finale zu erreichen. Außer zweierlei Steaks vom Rind und Schwein, hat er für seine Mutter ein Stück Fischfilet auf Alufolie gegrillt. Nach einer letzten Kontrolle sieht der ehrgeizige Hobbykoch den Zeitpunkt für ein Eigenlob gekommen. »Sensationell, was ich auf meinem Grill gezaubert habe«, verkündet er durchs Küchenfenster, dabei tupft er sich ein paar Schweißperlen von der Stirn und legt die Schürze ab. »Gooonnng! Essen ist fertig!«

Andrea legt Bestecke und Servietten zu den Tellern und trällert vergnügt den Popsong aus dem Küchenradio mit: »Ich saß immer in der ersten Reihe – und fand dich so erregend …«

Heiner fuchtelt ungeduldig mit der Grillzange: »Ich finde es eher aufregend! Wo ist Mama abgeblieben!«

»Warum so bissig? Mama ist im Bad.«

»Sitzt sie etwa auf der Brille? Ihr Fisch ist perfekt gegrillt und muss jetzt gegessen werden.«

»Vielleicht schaut sie nur mal in den Spiegel, will hübsch sein für ihren Sohn, der sogar am Sonntag arbeitet«, lästert Andrea. Sie kennt ihren Heiner. Für den ist es jetzt ein so großer Moment, wie auf der Bühne eines Theaters: Schauspieler wollen Beifall hören!

Enttäuscht ist Heiner darüber, dass Tochter Emmy und Sohn Lars an diesem Wochenende auf einer Geburtstagsparty sind. Heute, nach einer kurzen Nacht, werden sie wahrscheinlich im Freibad der Stadt eintauchen.

In diesem Moment kommt seine Mutter auf die Terrasse. Mit Trippelschritten nähert sie sich dem Grillgerät. »Köstlich! Den Duft habe ich schon im Flur geschnuppert!« Entzückt klatscht Henny in die Hände.

»Du bist heute in meinem Gourmettempel eingeladen. Aber nur, weil du mitgeholfen hast«, lacht Heiner seine Freude heraus. Wenigstens die alte Küchenfee weiß, was ihr Sohn in diesem Moment hören will. Er hat schon als Kind über den Topfrand geschaut oder ihr beim Schnippeln von Obst und Gemüse geholfen. »Ist doch zum Heulen, dass die Gören Pizza aus Pappschachteln leckerer finden!«, sagt er.

»Komm, Mutti, setzt dich auf meinen Platz, hier schützt dich der Schirm vor der Sonne«, schlägt Andrea vor, die ihren Stuhl wie einen Ehrenplatz anbietet.

»Nett von dir«, sagt Henny und wirft ihr einen dankbaren Blick zu. »Ich mag die Sonne am liebsten, wenn ich im Schatten sitze.«

Dabei fällt Andrea ein kleiner Fetzen Papier neben Hennys Nase auf, der da nicht hingehört.

»Hast du dich verletzt?«

»Nicht so schlimm, ist beim Rasier