: Dieter Bührig
: Der Flügel der Zeit Ein Capriccio über die Lübeck-Reise des jungen Johann Sebastian Bach
: Kadera-Verlag
: 9783948218089
: 1
: CHF 7.90
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
In einem Lübecker Haus aus alten Zeiten steht ein merkwürdiger Konzertflügel - und ein mystischer Instrumentenbauer verrät dessen Zauber: Wer darauf spielt, reist nicht im Traum, sondern ganz real in die Vergangenheit. Autor Dieter Bührig verwendet diesen Zauber, um den musikkundigen Erben des Hauses auf eine Zeitreise ins Jahr 1705 zu entsenden, als der 20-jährige Johann Sebastian Bach in Lübeck weilte, um den Kirchenmusiker Buxtehude zu behorchen. Und so begeben wir uns mitten hinein ins bürgerliche Leben jener Zeit, aus dem die Rückkehr ihre spanneden Tücken hat.

Dieter Bührig verband sein Studium der Elektrotechnik mit einem Studiengang zum Diplom-Tonmeister. Als Studienrat unterrichtete er in Lübeck Physik und Musik, leitete Schulchöre. Er promovierte über das Thema »Schule in der Musik«. Seine Veröffentlichungen u.a. zu Fragen der Musikpädagogik führten ihn schließlich auch zur belletristischen Literatur. Mehrere Romane verbinden historische Ereignisse mit der Musik dieser Zeit. www.dieterbuehrig.de

Kapitel 1 · Der Flügel der Zeit


Wahrlich, es ist nicht unbedingt das große Glück, ein Haus in Lübeck zu erben. Zumal, wenn es mit dem Siegel des Denkmalschutzes belastet ist. Ein immobiler Pflegefall also. Und wer hat denn Eigenbedarf für einen engen Altbau. Ein doppelt geschenktes Buch kann getauscht werden, für einen Theater-Gutschein findet sich leicht ein Liebhaber. Doch eine Immobilie, weder verrück- noch veränderbar, nicht umzutauschen oder weiterzuschenken – wer könnte so etwas kaufen wollen?

Das Haus, das den Anlass für diese Geschichte liefert, liegt am Rande der Altstadt. Seine Rückseite war einst Bestandteil der mittelalterlichen Wehranlage, die den Stadthügel umgab. Als die Stadt prosperierte und der Wohnraum in der umschlossenen Innenstadt immer knapper wurde, hatten die Bürger schon früh damit begonnen, ihre Häuser an die Innenseite der Stadtmauer zu heften. Dadurch ersparten sie sich eine komplette Hauswand. Backsteine waren damals teuer.

Die Mauer war auf die Ewigkeit berechnet, und so wundert es nicht, dass die Fenster hinaus zum Vorfeld auch heute noch wie Schießscharten anmuten. Nur hoch oben im zweiten Stock, hatte ein Vorbesitzer eine zwei Meter breite Öffnung herausgeschlagen und einen lichtspendenden Erker eingebaut, zu einer Zeit, als es vor den Toren keine Feinde mehr gab und innerhalb der Stadtmauer noch keinen Denkmalschutz.

Zur Stadtseite hin zeigt sich das Gebäude mit seiner Backsteingotik, mit den offenen Fensterfluchten und der hohen Dielenetage wie viele andere Bürgerhäuser, die sich den Stromschnellen der Zeit unbeschadet widersetzt haben. Ein dreistöckiger Staffelgiebel krönt die Fassade, eigentlich Blendwerk, denn dahinter verstecken sich lediglich steile, kaum bewohnbare Dachgeschosse. Es wäre unangemessen, dies als Angeberei des Hausbesitzers abzutun. Wir sollten uns hüten, vergangene Zeiten aus unserem heutigen Blickwinkel zu beurteilen. Natürlich spielten schon damals Besitz und Vermögen eine wichtige Rolle, doch sie waren kein Selbstzweck, sie bestimmten sich durch die Ständeordnung, in die man hineingeboren wurde.

In meinem Erbhaus wohnte früher einer der wichtigsten Zöllner der Stadt, denn es schließt unmittelbar an das Burgtor an, das den nördlichen Zugang zur Stadt sicherte. Mit seinen fünf Stockwerken und der an eine preußische Pickelhaube erinnernden Bedachung sieht das Tor wie ein riesiger Zinnsoldat aus, dessen zu kurz geratene Beine die Straßendurchfahrt flankieren.

Oft war ich durch das Burgtor geradelt, um in der Innenstadt einzukaufen oder in einer Kneipe einzukehren. Nie hätte ich es mir träumen lassen, eines Tages mit diesen alten Mauern beerbt zu werden.

Nun gut, ich liebe die Stadt und flaniere gern durch ihre mittelalterlichen Gassen. Doch wohnen in jener pseudoromantischen Idylle, in der man auf Schritt und Tritt von der Schwere einer verblassten Geschichte erdrückt wird, wo es ständig nach Kohl riecht, wo man die Sonne nur in den oberen Stockwerken genießen kann und wo allenfalls ein paar Löwenzähne in löchrigen Regenrinnen dahinvegetieren? Gar als Hausbesitzer? Ein Altstadthaus als Statu