Kapitel 1
Von Opahosen und Schicksalswahrern
Ich bin seelisch divergent, indem ich gewissen namenlosen Wirklichkeiten zu entfliehen versuche, die mein Leben hier plagen. Wenn ich aufhöre, dorthin zu fliehen, werde ich gesund sein. Sind Sie vielleicht auch divergent, mein Freund?
Aus »Twelve Monkeys«
Als ich erwachte, war es wie immer. Die Zimmerdecke mit den Spinnweben, das morsche Regalbrett, das halb über meine Schlafstätte ragte, und das Fenster ohne Ausblick. Ein milchiges Zwielicht, das weder hell noch dunkel, weder Tag noch Nacht kannte. Und ich war daran gewöhnt.
Das Schnarchen sagte mir, dass Nicanor immer noch schlief, und ich blieb ebenfalls untätig liegen. Mir fehlte jegliche Energie, um überhaupt etwas zu tun. An Aufstehen nicht zu denken. Mein Körper war schwach und wackelig. Zumindest bildete ich mir das ein. Ich wusste nicht, wann sich das je wieder ändern sollte. Ich hätte ja nicht einmal sagen können, wie lang es her war, dass Hattuscha Rivendell tötete. Den sterblichen Schicksalswahrer, der Nicanor auf die schiefe Bahn gebracht hatte.
Wann immer ich mir vornahm, mit ihm darüber zu sprechen, fehlte mir der Mut. Ich konnte einfach nicht mit Nicanor reden, egal wie oft ich es versuchte. Er war für mich seltsam fern. Distanziert und doch zu nah. Was hätte ich ihm erklären sollen? Dass ein Schicksalswahrer ihn geholt hatte? Widerrechtlich? Dass es auch für ihn die Chance gab rauszukommen? Und ich … was war mit mir? Wenn ich Amaranth Glauben schenken durfte, dann war ich ebenfalls zu Unrecht hier. Waren wir es beide? War nur ich es? Rivendell hatte uns betrogen. Uns alle. Die Frage war nur: Wer hatte mich betrogen? Jemand hatte mich geschubst. Und für diese Leute hier hatte es ausgesehen, als hätte ich Selbstmord begangen und wäre vor eine Metro gesprungen. Warum hätte ich das tun sollen? Ich wusste es nicht. Mir fiel kein Grund ein. Und wenn ich ehrlich war, fiel mir auch sonst nichts aus meinem Leben ein. Es war einfach weg. Mein Name, meine Eltern, meine Geschwister (sofern ich denn welche hatte) – nichts. Nicanor hingegen schien mehr Erinnerungen zu haben, wir hatten seine Ex-Freundin getroffen. Oder vielmehr: ich. Er kannte ihren Namen, ihr Gesicht und er wusst