1.
Eine merkwürdige Reise
Meine erste Erinnerung an England ist die Ankunft am Bahnhof Liverpool Street. Es war ein grauer Tag im Juli, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ich weiß nicht mehr, ob es geregnet hat und wie spät es war, als ich aus dem Zug gestolpert und auf dem Bahnsteig gelandet bin. Ich erinnere mich nur an Schatten, an große gusseiserne Säulen, an lange Gänge und an meine Füße, die wehtaten.
Ich war fünf Jahre alt und zusammen mit meiner neun Jahre alten Schwester vor mehr als zwei Tagen in Wien zu dieser trostlosen, tränenreichen Fahrt aufgebrochen. Wir kannten kaum ein halbes Dutzend englische Wörter, und ich zumindest hatte nur eine sehr vage Ahnung davon, wohin die Reise gehen sollte und warum.
Wir zählten etwa tausend Kinder, alle jüdisch – abgesehen von zwei (!) jungen Frauen, die auf alle aufpassen sollten – und fast alle verstört. Um den Hals hatte man uns nummerierte Karten gehängt, als wären wir Fundsachen, was wir ja irgendwie auch waren.
Zweieinhalb Tage vorher hatten wir unseren Eltern (bei mir war es nur meine Mutter) Lebewohl sagen müssen, und die meisten von uns sahen sie nie wieder. Wir gehörten zu den letzten – und ich war fast das jüngste – von etwa zehntausend Flüchtlingskindern, die Hitlers Terror zwischen Hoffnung und Verzweiflung mithilfe dieses großen Glücksspiels namens Kindertransport entkommen konnten. Millionen von Juden in Deutschland und Österreich (und später in der Tschechoslowakei und in Polen) hatten sich lange Zeit gesträubt und das Undenkbare nicht glauben können: dass die zivilisierte Nation, in der ihr Leben verwurzelt war, in tödliche Barbarei verfallen war. Viele fügten sich in ihr Schicksal und beschlossen, auszuharren und darauf zu hoffen, dass sich alles zum Guten wenden würde. Andere wiederum schätzten die Situation richtigerweise so ein, dass Bleiben so viel hieß, als würde man das Todesurteil für seine Familie unterzeichnen. Aber die übrige Welt hatte ihre Grenzen für Flüchtlinge weitgehend geschlossen. Als sich dann im Vereinigten Königreich besorgte Gruppen zur KindertransportbewegungMovement for the Care of Children from Germany zusammenschlossen (die späterRefugee Children‘s Movement genannt wurde) und offiziell die Erlaubnis bekamen, bis zu zehntausend jüdische Kinder als Flüchtlinge ins Land zu holen, entschlossen sich einige Familien, die keinen anderen Ausweg mehr wussten, ihre Kinder nach Großbritannien in eine Pflegefamilie zu schicken. Meine Familie gehörte zu ihnen.
Im Rückblick und die behütete Sicherheit von heute als Selbstverständlichkeit betrachtend, kann man sich kaum mehr die seelischen Qualen vorstellen, die diese Eltern erdulden mussten. Ihnen wurde ein Übermaß an Vertrauensvorschuss und Vorstellungskraft abverlangt – Vertrauen auf die Freundlichkeit noch nie gesehener Fremder und eine Vorstellung davon, wozu der Nationalsozialismus letztendlich fähig wäre. Die Zweifel und die Verzweiflung müssen unerträglich gewesen sein.
Für uns Kinder war es einfacher. Das Leben, so wie wir es bisher kennengelernt hatten, war schon wieder zu Ende, kaum dass es begonnen hatte.
Längst nicht alle von uns hatten das volle Ausmaß des Schrecklichen erfasst, denn es schien ja so, als ob unsere Familien sich aus freien Stücken aufgelöst hätten. Ich vermute, dass sich meistens nicht einmal die Eltern der nackten Wahrheit gestellt, geschweige denn mit ihren Kindern unmissverständlich darüber gesprochen hatten. Aber die Abschiedsszenen auf dem Bahnsteig in Wien waren herzzerreißend. Es gab zu viele wehklagende Erwachsene und weinende Kinder, als dass die um Tapferkeit ringenden Gesichter noch hätten Hoffnung machen können. Vielleicht war noch das ein oder andere Kind unter uns, das tatsächlich glaubte, dass wir nur