1
Frühjahr sechs Jahre später
Antonia Falkenberg machte keinen Unterschied zwischen den Jahreszeiten – jede hatte etwas für sich. Wassersport im Sommer. Skifahren und Snowboarden im Winter. Im Frühjahr und im Herbst gab sie Mountainbike- oder Wandertouren den Vorzug. Aber was sie wirklich liebte, waren die Übergänge zwischen den Jahreszeiten. So wie zurzeit. Die ersten Frühjahrsblüher hatten sich gegen Kälte und Eis durchgesetzt, und wo der milde Wind den Schnee schmelzen ließ, blitzte das satte Grün der Wiesen durch das Weiß.
Sonnenstrahlen legten sich wärmend auf Antonias Haut, als sie aus dem alten Forsthaus trat und über die breite Terrasse ging. Sie lebte seit sechs Jahren auf der Lichtung, ein Stück oberhalb ihres Heimatdorfes Sternmoos. Von hier aus hatte sie einen atemberaubenden Blick auf die Berge, ohne die sie nicht leben konnte. Am Abend zuvor hatte sie ihr Mountainbike nach einer Bergtour nur gegen die Verandabrüstung gelehnt. Sie musste jetzt lediglich den Tau vom Sattel wischen und dann einfach in die Pedale treten.
Von der Lichtung aus hatte sie einen spektakulären Blick auf die rauen Bergspitzen, die dem Winter noch nicht entkommen waren. Sie lenkte das Rad talwärts und schoss die steile, kurvige Straße hinunter, die nach Sternmoos führte. Nach der zweiten Kurve sah sie den See zwischen den Bäumen aufblitzen, und nach der dritten lag er in seiner ganzen Schönheit vor ihr. Tiefgrün und eingerahmt vom letzten Schnee. An den Ufern hielten sich noch immer ein paar harte Eiskanten, aber auf den beiden kleinen Felseninseln hatten bereits ein paar mutige Narzissen die Köpfe zwischen den Farnen hervorgesteckt.
Antonia trat in die Pedale und bog auf die Straße ab, die um den See führte. Sie fuhr zumHolzwurm, der Kneipe ihrer Freunde Anna und Hias. Anna hatte sie um dieses Treffen gebeten und sehr geheimnisvoll getan. Gespannt, um was es ging, lehnte sie das Mountainbike an die Hauswand und betrat das Restaurant, das sich in den letzten Jahren zu einem echten Geheimtipp im Berchtesgadener Talkessel gemausert hatte.
Hias lehnte am Tresen und nippte an einem Bier. Ihm gehörte eine Schreinerei. Als er vor ein paar Jahren mit dem Betrieb von Sternmoos nach Ramsau umgezogen war, hatte Anna die Idee gehabt, aus dem alten Holzlager ein Lokal zu machen. Entsprechend urig war das Ambiente, in dem sich nicht nur Touristen nach einer anspruchsvollen Wanderung eine Stärkung gönnten, sondern auch die Dorfbewohner auf ein Bier und einen Enzian zusammenkamen.
»Da bist du ja.« Anna, die mit Antonia schon die Schulbank gedrückt hatte, kam hinter der Theke hervor.
Antonia umarmte die beiden zur Begrüßung. Dann ließ sie sich neben Hias auf einen Barhocker fallen. Sie stützte den Ellenbogen auf und legte ihren Kopf in die Hand.
»Ich mach dir gleich was zu trinken, aber erst muss ich dich um einen großen Gefallen bitten. Etwas, das mir sehr wichtig ist«, sagte Anna, und ihre Stimme klang geradezu feierlich.
Antonia richtete sich wieder auf. »Willst du zu einer Alpenüberquerung aufbrechen? Soll ich dich trainieren oder begleiten? EinFast-and-Furious-Filmmarathon? Ich bin für alles zu haben«, versuchte sie dem Moment die Ernsthaftigkeit zu nehmen. »Oder bist du schwanger? Sag mir, dass ich deine Hebamme sein darf! Egal ob ein Kind oder Drillinge: Ich hole sie dir alle gan