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Frieda
Später, als der Skandal schon da war und die Zeitungen sie zum Paria gemacht hatten, konnte sie alles auf einen bestimmten Tag zurückführen. Einen bestimmten Augenblick. Manchmal trat ihr dieser Augenblick wie ein schwindelerregender Wirbel vor Augen, so, dass alles in einen Rahmen gepresst schien. Dreizehn Ehejahre und drei vollkommene Kinder verschmolzen zu einem einzigen Bild. Und sie staunte, wie etwas so Gewaltiges einem so ereignislosen Augenblick entspringen konnte.
Der Tag hatte aufregend begonnen. Ein rosa überhauchter Himmel, hellgrün austreibende Silberbirken, Gras und Blätter von schwerem Tau benetzt, ein gelber Schimmer, wo das erste Schöllkraut durch die schwarze Erde brach. Die Kinder waren ums Haus gerannt und hatten geschrien: »Tante Nusch kommt extra aus Berlin.« Monty war auf dem Sofa herumgesprungen, Elsa hatte sich Schnüre mit violetten Perlen über die Schultern drapiert, und selbst Barby hatte mit dem Löffel auf den Frühstückstisch gehauen und »Nusch kommt« gebrüllt.
Mrs Babbit brachte den ganzen Morgen mit Schrubben, Polieren und Abstauben zu. Monty und Barby pflückten Schlüsselblumen und Glockenblumen, die Elsa in Marmeladengläser stellte. Frieda hatte einen Apfelkuchen gebacken und stäubte üppig Zimt und Puderzucker auf das von Kratern überzogene Backwerk. Selbst Ernest, der selten sein Arbeitszimmer verließ, strich durchs Haus, stupste den Finger in den Kohlenstaub, der sich auf den Simsen abgesetzt hatte, und betastete die Wandfarbe, die von den Sockelleisten blätterte.
Am frühen Nachmittag, als Nusch ankommen sollte, schlug das Wetter um. Ein schräger Regen begann laut gegen die Scheiben zu spucken, und der Himmel war wie in zwei Hälften geteilt; in der einen hingen schwere Wolken, die andere war von einem blassen, milchigen Blau. Ernest brach auf, um Nusch vom Bahnhof abzuholen, winkte im Gehen mit seinem straff gewickelten Regenschirm und rief: »Ich warne euch, ihre Juwelen werden euch blenden!« Theatralisch hob er die Hand und legte sie sich schützend über die Augen, woraufhin alle lachten und Frieda einen leisen Stolz empfand.
Die Szene eine Stunde später sollte sich ihr für alle Zeiten einprägen. Die Röcke hoch genug gerafft, um den feinen Spitzensaum ihres Unterkleids sowie die teuren Lederstiefeletten mit den geschwungenen Absätzen und den Perlmuttknöpfen zu zeigen, stieg Nusch vom Tritt. Nachdem sie Staub und Schmutz von ihrem Reisekostüm geklopft hatte, hob sie den Blick zu dem kleinen schlichten Backsteinhaus, der engen Eingangstür, dem schmalen Garten und sagte: »Ach, du armer, armer Schatz!« Frieda machte den Mund auf, um zu protestieren, besann sich aber eines Besseren, führte sie in den Flur und plauderte fröhlich über die Pläne, die sie für Nuschs Besuch gemacht hatte: einen Spaziergang durch Sherwood Forest, eine Tour durch Newstead Abbey, einen Abstecher nach Wollaton Hall.
Während sie sich an die Wand presste, um Ernest mit Nuschs Schrankkoffer vorbeizulassen, vernahm sie etwas, das sie stutzen ließ. Es war Nusch, die mit hoch erhobener Nase übertrieben zu schnüffeln begann. Als habe sie einen Schnupfen oder eine leichte Erkältung. Dann ließ sie ein schwaches Räuspern vernehmen, griff mit behandschuhter Hand in ihren Pompadour, zog ein Taschentuch heraus und presste es sich fest auf den Mund.
»Die Kinder haben Wildblumen f