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Vor dem Haus parkt ein schwarzer BMW. Früher, erinnert sich Margret, da sagte man, es sei dumm, dunkle Autos zu kaufen. Die heizten sich im Sommer zu sehr auf. Heute haben alle Klimaanlagen. Der Wagen gehört ihrem Bruder Bernhard, der vieles im Leben besser gemacht hat als sie und sich daher einen schwarzen BMW mit Klimaanlage leisten kann.
Margret sieht ihren Bruder selten, ihre Schwester nie. Sobald sie nach Süddeutschland fährt und aus dem Fenster die Berge erblickt, wird ihr schwer ums Herz, erfasst sie eine Enge, die sie sich nicht erklären kann.
Bernhard sagt: »Familie ist wichtig«. Das sagt er einfach so und erklärt nicht, warum sie das ist. Vater und Mutter sind tot, es gibt nur noch sie, die Geschwister, und wenn Margret nicht in den Süden fährt, dann kommt der Bruder eben ab und zu vorbei, er fährt ja gerne Auto, und selten bleibt er länger als für einen Kaffee, aber egal, es geht ja nur darum, sichmal wieder zu sehen und Wein vorbeizubringen. Margret hat ihm gesagt, das sei nicht nötig, badischen Wein gebe es auch bei Getränke Hoffmann an der Hauptstraße, doch Bernhard sagt, das sei nicht dasselbe.
Aber jetzt kommt er ohne Wein. Jetzt will er ihrzur Seite stehen. »Wein wäre mir lieber«, sagt sie, und er lässt es sich gefallen.
Gert liegt in der Uniklinik in einem Schwebezustand zwischen lebendig und tot. Ein Nachbar hat ihn fallen sehen, ist über den Zaun gesprungen und hat den Krankenwagen gerufen.
Margret war zu spät.
»Ich weiß nicht, wie du mir jetzt zur Seite stehen willst«, sagt Margret, während sie in der Küche Kaffee kocht. Bernhard steht hinter ihr, dickbäuchig, kurzatmig. Mit einem Taschentuch wischt er sich den Schweiß von der Stirn. »Du machst mir nur zusätzliche Arbeit«, sagt Margret und versucht, verärgert zu klingen, denn mit leisen Tönen wird sie ihren Bruder nicht erreichen.
Bernhard antwortet nicht, sondern holt zwei Teller aus dem Küchenschrank und stellt sie auf den Esstisch. Irgendwo in diesem Haus wird es schon Kuchen geben. Erwartungsvoll lässt er seinen Körper auf einen der Holzstühle sinken, den Blick auf den leeren Teller vor sich gerichtet.
Margret stellt die Kaffeekanne geräuschvoll auf den Tisch. »Bernhard, du kommst wirklich ungelegen.«
»Familie kommt nie ungelegen«, sagt er. »Wo ist sie überhaupt? Wo sind die Kinder?«
»Sind schon wieder weg. Sie kommen am Wochenende noch mal.«
»Am Wochenende erst?«
»Die müssen arbeiten, und was sollen sie auch hier? Niemand weiß, wann Gert wieder aufwachen wird. Sie können nichts tun.«
Ungeschickt legt Bernhard seine breite, weißbehaarte Hand auf die Hand seiner Schwester. Ein feuchtes fünfbeiniges Tier. Margret zuckt zurück. Kurz legt sich ein Schatten auf ihr Gesicht, nur einen Augenaufschlag lang, aber Bernhard bemerkt ihn doch, von wegen keine leisen Töne, und er sieht sich bestätigt in allem, in seiner Sorge, in seinem Kommen, in seinem Daraufbestehen, aber es ist nur eine kleine W