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Der Klappentext versprach einen Blick hinter die Kulissen des vermeintlich so perfekten Lebens der Müllerin Josefine in einem abgeschiedenen Bergtal im Berchtesgadener Land und ihre Versuche, einen Mann in die Ehefalle zu locken. Der Roman, der auf wahren Begebenheiten basiere, sei der beste Beweis dafür, dass man mit einer zurückgebliebenen, dörflichen Lebensweise keinen Mann dazu brachte, einen Treueschwur zu leisten – und höchstens dafür sorgte, dass er so schnell wie möglich das Weite suchte.
Merke!, las Rosa das aufgedruckte Zitat aus dem Buchdeckel unter dem Klappentext.Die Müllerin mag noch so schön sein: Wenn ihre strengen Flechtfrisuren ihren Horizont abschnüren, dann ist sie eben nur das: eine Frau mit begrenztem Horizont. Und das soll der Typ Frau sein, nach dem Männer sich sehnen?
Was für eine Unverschämtheit! Rosa schnappte empört nach Luft. Aus wütend zusammengekniffenen Augen studierte sie das Foto des Mannes, das am unteren Rand der Seite abgedruckt war. David Kaltenbach. Julians Bruder, hatte diese Bernadette Hellmann vorhin behauptet. Besser gesagt: sein Halbbruder. Der Mann auf dem Bild trug den gleichen Nachnamen wie Rosas Freund. Aber Julian hatte nie einen Bruder erwähnt – auch keinen halben –, und die beiden Männer sahen sich nicht im Geringsten ähnlich. Julian war ein blonder Sonnyboy mit graublauen Augen und einem verschmitzten, strahlenden Lächeln. Dieser David hingegen … finster und zynisch war das Erste, was ihr zu seinem Konterfei einfiel. Seine Haare waren dunkel und reichten ihm bis zum Kragen. Sie waren aus dem Gesicht gekämmt, was seine markanten Augenbrauen in Szene setzte. Die Augen, deren Farbe Rosa nicht erkennen konnte, blickten missmutig in die Kamera, und sein Mund war zu einem so geraden Strich zusammengekniffen, dass sie nicht sagen konnte, welche Form seine Lippen hatten. Rosa war sich sicher, dass es genügend Frauen gab, die genau diesen Typ Mann aufregend fanden. Sie gehörte ganz eindeutig nicht dazu – sie bevorzugte helle, strahlende Männer, die lustig waren, unkompliziert. Männer wie ihr Freund eben.
Dieser Autor und Julian konnten keine Brüder sein. Vielleicht hatte das jemand durcheinandergebracht oder einfach etwas Falsches behauptet, weil sie den gleichen Nachnamen trugen. Im Zeitalter der sozialen Medien und der Digitalisierung entstanden Gerüchte schließlich schneller, als man mit dem Finger schnippen konnte. Rosa griff nach ihrem Handy, ignorierte die Anrufe und Nachrichten, die auf dem Display aufleuchteten, und googelteDavid Kaltenbach. Es konnte gar nicht anders sein. Eine Verwechslung. Sie fand seine Homepage, rief seine Vita auf. Vierunddreißig, Studium der Buchwissenschaften und Germanistik in München, der Stadt, in der er auch lebte. Autor und Kolumnist. Von einer Familie stand nirgends etwas.
Rosa kehrte zu Google zurück und gabDie schöne Müllerin ein. Als Erstes wurde ihr der Roman angeboten, dann folgten ein paar Rezensionen. Leser, die das Buch verrissen. Andere, die es in den Himmel lobten. Zeitungsartikel griffen das Thema auf. Links leiteten zu Fernsehauftritten des Autors. Schlagzeilen wieEine völlig neue Art, Geschichten zu erzählen oderEin Roman im hippen, zynischen Style eines Poetry Slams leuchteten ihr entgegen. »Hauptsache, man polarisiert«, murmelte sie und versuchte es mit einer neuen Suche:Wer ist die schöne Müller