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Sommer 2019
Sie kam aus dem Nichts und riss den Jeep mit sich, als sei er ein winziges Spielzeugauto. Eine Walze aus Geröll und zähem Schlamm, die den Berg hinunterschoss, alles unter sich begrub und in einem dunklen Brei aus Erde und Steinen erstickte.
Hannah hatte Glück. Wenn man das so nennen konnte. Die Schlammlawine katapultierte den Jeep von der Straße, statt ihn unter sich zu zerquetschen. Sie überschlug sich. Wieder und wieder. Bis der reißende Fluss, der sich neben der Straße ins Tal stürzte, ihren Aufprall abfing. Für den Bruchteil einer Sekunde atmete Hannah durch. Der Wagen hing schief in den wilden Fluten des Flusses, irgendetwas stoppte ihn, sorgte dafür, dass sie nicht davontrieb. Vielleicht ein Baumstamm, ein Felsvorsprung. Es war ihr egal. Ihr Sicherheitsgurt hielt sie fest auf dem Beifahrersitz. Sie war am Leben. »Das war knapp«, keuchte sie, atemlos vor Schock. Ihr Herz raste und schickte Unmengen Adrenalin durch ihre Venen. Sie hörte, wie der Schlamm an verschiedenen Stellen des Tals noch immer in überwältigender Geschwindigkeit den Berg hinunterrauschte und diesen abgelegenen Teil des brasilianischen Regenwaldes unter sich begrub. Sie hörte das Brodeln des Wassers um sich herum. Sie hörte das Blut in ihren Adern. »Finn?«, flüsterte sie. So leise, dass sie es selbst kaum hören konnte. Er antwortete nicht. Dabei antwortete er ihr immer. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für einen seiner witzigen Sprüche. Irgendetwas, was sie beruhigen und vielleicht sogar zum Lachen bringen würde. Vielleicht hatte er sie nicht gehört.
Langsam, unendlich langsam, wand Hannah den Kopf zum Fahrersitz. Dort, wo ihr Freund und Kollege hätte sitzen müssen, sah sie nur die zerborstene Scheibe, durch die das Wasser in den Jeep lief. »Finn!« Diesmal schrie sie seinen Namen aus voller Lunge.
Hannah musste bewusstlos gewesen sein. Vielleicht hatte sie auch einfach nur geträumt. Vom Sternsee. Von ihrem Zuhause. Noch sah sie das Tal vor ihrem inneren Auge. Die Sonne war bereits hinter die hohen, steinernen Zacken des Hochkalter gesunken, aber sie hatte ihre Farben zurückgelassen. Das leuchtend helle Gelb und das tiefe Orange spiegelten sich im fast unwirklichen Türkisblau des Wassers. Genau wie die beiden Kiefern auf der kleinen Felseninsel, nur ein paar Meter vom Ufer entfernt. Ihre älteste Schwester, Antonia, hatte sich an den vom Wasser glatt geschliffenen Steinen emporgehangelt und winkte zu ihr herüber wie ein Pirat, der ein Königreich erobert hatte.
Hannah blendete den Schmerz aus. Solange sie die Berge vor sich sah, die letzten Schneereste, die sich noch an die Nordwände der Felsnadeln klammerten, würde auch sie es schaffen. Das hoffte sie zumindest, selbst wenn sich ihr Körper taub anfühlte. So taub und kalt. Die Wellen des Bergsees schwappten um sie herum, schlugen über ihr zusammen. Das Glucksen, das sonst so beruhigend war, wirkte gespenstisch. All das war nicht schlimm, versuchte Hannah sich selbst zu beruhigen. Wasser war eben kalt. Sie würde gleich ans Ufer schwimmen und sich neben ihrer mittleren Schwester Rosa in der heißen Sommersonne ins Gras legen, bis ihr wieder warm war. Egal, welche Temperatur der See hatte, Rosa hatte mit Sicherheit nicht einmal den großen Zeh ins Wasser getaucht.
Der metallische Geschmack von Blut passte nicht hierher, also ignorierte Hannah ihn. Sie musste schwimmen, doch