Kapitel eins
An den Sommerwochenenden hatte man das Gefühl, das American Hotel in Sag Harbor sei der Nabel der Welt. Die Einheimischen kamen, um sich einen Drink zu genehmigen, und die Touristen in der Hoffnung, eins der acht Zimmer zu ergattern.
Es war der Freitag vor dem Memorial Day, also noch nicht offiziell Sommer, aber doch beinahe. Die Busse der Hampton-Jitney-Linie hielten direkt vor dem Hotel und spuckten stündlich eine neue Ladung Besucher aus Manhattan aus.
Emma Mapson, die in Sag Harbor geboren war, beobachtete schon lange, wie der sommerliche Touristenstrom von Jahr zu Jahr anschwoll. Sie hatte gesehen, wie immer noch schickere Restaurants und an der Main Street immer noch mehr Luxusboutiquen eröffnet worden waren. Eines aber war über die Jahre gleich geblieben, und das war das American Hotel. Der Kolonialbau aus rotem Backstein mit den antiken Holzmöbeln, den Gemälden mit maritimen Motiven an den Wänden und den Tiffany-Leuchtern sah noch genauso aus und fühlte sich auch noch genauso an wie zu der Zeit, als Emma ein junges Mädchen gewesen war. Im Empfangsbereich standen dieselbe abgewetzte Couch und derselbe Backgammontisch, an dem sie von ihrem Vater Backgammon gelernt und sie selbst es ihrer eigenen Tochter beigebracht hatte. Alles schien sie aufzufordern:Na los, genieß das Leben ein bisschen! So hatte es sich jedenfalls bisher angefühlt.
Eine Frau näherte sich dem Empfang und sagte: »Es gibt da ein paar Dinge, die mich an meinem Zimmer stören.«
»Oh, das tut mir leid«, erwiderte Emma, warf einen Blick auf das von Hand ausgefüllte Reservierungsbuch und versuchte herauszufinden, mit welchem Gast sie es zu tun hatte. »Was genau stört Sie denn?«
»Einfach alles!«, antwortete die Frau. »Es gibt keine einzige Steckdose, damit ich mein Telefon aufladen kann, es gibt keinen Fernseher und keinen Wandschrank.«
Emma setzte routiniert eine neutrale Miene auf. Zu verständnisvoll, und es kam einem Eingeständnis gleich, dass tatsächlich einiges im Argen lag; zu verwirrt, und der Gast fühlte sich provoziert. Eine ausdruckslose Miene war das Unverfänglichste.
»Ihr Name, Ma’am?«, fragte Emma.
»Stoward.« Sie sagte es so langsam und deutlich, als hätte sie es mit jemandem zu tun, der gerade erst lesen und schreiben gelernt hatte.
Emma sah die Einträge im Reservierungsbuch durch. Die Frau war im Cooper-Zimmer untergebracht. Es stimmte schon, einen Fernseher gab es dort nicht, genauso wenig wie in allen anderen Zimmern. Und einen Wandschrank gab es auch nicht, aber dafür einen großen antiken Schrank. Steckdosen allerdings hatte es genug. Ihr war völlig schleierhaft, wieso die Frau keine finden konnte.
»Mrs Stoward, ich …« Emma schaute auf. Ihr Blick fiel auf einen vertrauten dunklen Lockenkopf auf der andere