Zwei Linien
Der Redebeitrag sorgte zunächst für Unverständnis. Das Publikum auf der lit.Cologne 2019 wirkte genauso irritiert wie meine Gesprächspartner Hans Joachim Schellnhuber und Robert Habeck. Auf die Frage »Ist die Erde noch zu retten?« hatte ich geantwortet, ich sähe zwei große übergeordnete Tendenzen, ja, man könne sagen evolutionäre Bewegungen. Die eine sei der Versuch, aus dem gnadenlosen Prozess des Wachstums auszubrechen und die belebte Natur wiederzuentdecken, statt sie allein als Ressource zu betrachten. Diese Bewegung dränge über kurz oder lang auf die Überwindung des Kapitalismus. Wer dies nicht wolle, der müsse sich wohl oder übel auf die Alternative, die Überwindung des Menschen, einlassen; dass sich Homo sapiens von den Fesseln seiner Biologie löst, »posthuman« wird und seine persönliche wie seine Gattungszukunft »postbiotisch« auf alternativen Datenträgern sucht; verbunden mit dem Versprechen von Unsterblichkeit.
Das Publikum wurde unruhig. Mochte der eine oder andere sein Herz nicht an den Kapitalismus hängen, den Menschen wollte auf der lit.Cologne keiner überwinden; der Kölner ist halt gern Mensch. Doch die Lage ist ernst. Sollte es in hundert Jahren noch Historiker geben, werden sie über die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts wohl vor allem eines sagen: dass wir versuchten, wie Götter zu werden, während wir gleichzeitig den Planeten so zerstörten, dass tatsächlich nur noch Götter auf ihm hätten leben können.
Die Gefahr bleibt groß, dass das jetzige das letzte, äußerst kurze Zeitalter wird, von dem Menschen noch etwas wissen, weil es für alle späteren keine menschlichen Chronisten mehr geben wird. Nicht »Ist die Erde noch zu retten?« hätte es auf der lit.Cologne heißen müssen, sondern »Ist die Menschheit noch zu retten?«. Während wir die dunkle Intimität unseres Gehirns durchleuchten und als bunte Bilder grell veröffentlichen, während wir unser so lange sicher verstecktes Erbgut in Millionen Teile zerlegen, um es neu zusammenzubasteln im Blick auf eine freudestrahlende Zukunft, vollführen wir doch nur die letzten aller Menschheitsstreiche – nicht auf dem Weg zum »Übermenschen«, den Nietzsche im späten 19. Jahrhundert aus seiner Lektüre sozialrassistischer Autoren fertigte, sondern auf dem Weg zum Verschwinden.
Der Stolz, dass im Bonuspack der Evolution das Menschentier zu der Fähigkeit kam, sein gelerntes Wissen anders und umfassender zu speichern als andere Tiere (und sein stummes Wissen um das, was ihm guttut, im gleichen Prozess zu verlieren); dieser Stolz auf ein Vermögen, das Homo sapiens die Gravitationskraft und den Elektromagnetismus enträtseln, Atomwaffen, Artensterben und All-you-can-eat-Tarife hervorbringen ließ, Diäten und Denkmalschutz, Fußball und Fernbedienungen, glutenfreie Nudeln und Gummibärchen, Iglus und die Inquisition, Kola und den Koran, Makramé-Eulen und Mindestlohn, Nominalzinsen und Nofretete, Pyramiden und PayPal, Röntgengeräte und das Rote Kreuz, Schönheitschirurgie und Sportwetten, die Vereinten Nationen und Vielfliegerrabatte – dieser Stolz lässt noch immer viel zu viele Angehörige der Spezies Homo sapiens nicht sehen, was jeder, der Augen hat zu sehen, täglich sieht: dass unser Erdzeitalter, das Anthropozän, einMonetozän ist, ein Zeitalter des Geldes, in dem nicht »der Mensch« biotisch, sedimentär und geochemisch die Erde umpflügt, sondern die Verwertungsinteressen des Kapitals. Je mehr davon angehäuft oder im Umlauf ist, desto größer die naturgeschichtlichen Folgen. Noch einige Jahrzehnte unerschrocken so weiter, und Homo sapiens bleibt im großen Weltenschauspiel keine weitere Rolle mehr zu spielen, als neugierigen Aliens irgendwann als Leitfossil unseres Erdzeitalters zu dienen: als letztes Glied in einer Kette von Trilobiten, Graptolithen, Ammoniten und Foraminiferen.
Wer wünschte sich da nicht, den Art-Namen ernster zu nehmen und tatsächlich mehr Homo sapiens in der Welt zu sehen, mit der Weisheit, dersapientia, gesegnet, nicht nur sich selbst, sondern die eigenen Grenzen zu erkennen? Je mehr wi