: Nimko Ali
: Worüber wir nicht sprechen sollen - es jetzt aber trotzdem tun Ein Manifest über den weiblichen Körper
: Goldmann Verlag
: 9783641255374
: 1
: CHF 3.60
:
: Gesellschaft
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wie fühlt sich eine Vagina nach der Geburt an? Woher weiß ich, dass ich wirklich einen Orgasmus hatte? Wie lerne ich meinen Körper nach einem Missbrauch wieder lieben? Die britische Frauenrechtsaktivistin Nimko Ali spricht aus, worüber immer noch schamerfüllt geschwiegen wird. Denn bei allem Fortschritt in Sachen Feminismus und Emanzipation ist es erschreckend, mit welcher Unwissenheit und Verachtung die weibliche Anatomie immer noch betrachtet wird, sofern sie nicht straff, ordentlich bedeckt, verschönert und enthaart ist. Ali hat hierzu mit vielen Frauen von Äthiopien bis London gesprochen und vereint deren Stimmen in einem Buch. Ihre Sammlung intimer und unzensierter Lebensgeschichten räumt auf mit den Mythen rund um den weiblichen Körper und ist ein Aufruf, Erfahrungen zu teilen und die gesellschaftlichen Tabus zu brechen, die Frauen zur Passivität und zum Schweigen verurteilen. Bewegend, kraftvoll und direkt: ein Manifest über die großartige Vielfalt weiblicher Sexualität, über Unwissenheit, Diskriminierung und die Notwendigkeit über all das zu sprechen.

Nimko Ali ist eine britische Feministin, Frauenrechtsaktivistin, Rednerin und Mitbegründerin von »The Five Foundation«, einer weltweiten Organisation, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) einsetzt. 2019 wurde sie für ihr Engagement mit dem UN-Frauenrechtspreis ausgezeichnet.

1. Periode


»Eigentlich wissen wir noch gar nicht wirklich, was genau die Menstruation ist.«

G. Stanley Hall

»Die halbe Welt menstruiert einmal monatlich zu irgendeinem Zeitpunkt, aber niemand weiß, wann genau wer an der Reihe ist. Ist das nicht seltsam?«

Margaret Cho

Weltweit haben zu jedem beliebigen Zeitpunkt 334 Millionen Frauen und Mädchen ihre Periode, heißt es. Was sich erst mal wie eine einzige blutige Superparty anhört, stellt sich in Wirklichkeit doch für jede Frau, von Chelsea Clinton über die Herzogin von Sussex bis zu einem Mädchen in Zentralafrika, sehr unterschiedlich dar. Und trotzdem ist uns eines gemeinsam: Irgendwann haben wir alle zum ersten Mal unsere Periode. Die Menstruation macht uns alle gleich. Ob du nun im Weißen Haus sitzt oder in einem windigen Zelt in einem Flüchtlingscamp – wenn du unerwartet zum ersten Mal deine Tage bekommst, dann herrscht erst mal Ausnahmezustand.

In diesem Kapitel spreche ich mit Frauen aus der ganzen Welt über ihre erste Periode und darüber, was diese Erfahrung mit ihnen gemacht hat. Eigentlich hatte ich vor, ganz konkret über den blutigen Part der Sache zu reden, denn nur darum geht es ja angeblich – aber dann habe ich gemerkt, wie tiefgehend und persönlich diese Erfahrung sein kann. Wie sehr diese ersten Tropfen das Leben und die Welt einer Frau verändern. Von dem kenianischen Mädchen, dessen Periode den Beginn ihres Frauseins und das Ende ihrer Unschuld markiert, bis zu meiner überorganisierten finnischen Freundin, deren erste Blutung sich in Form von präzisen Eiswürfeln präsentierte. Klar wussten wir alle, dass es irgendwann so weit sein würde. Aber es gab doch ziemliche Unterschiede. Manche konnten es kaum erwarten, andere fürchteten sich eher davor. Es gibt Frauen, die noch nie menstruiert haben. Hier in diesem Kapitel geht es ausschließlich um die allererste Blutung. Denn sie hat mein Leben verändert und auch das vieler anderer Frauen, denen ich begegnet bin.

Ich weiß nicht mehr, ob ich Sommerferien hatte oder ob es einfach ein Samstag war, jedenfalls war ich an jenem Nachmittag, als meine Periode losging, zu Hause; ich war 14, und es war ein warmer Tag. Eins weiß ich dafür noch genau: Ich habe geschrien wie am Spieß und dachteJetzt sterbe ich, und das, obwohl die Frau vomAlways-Schulprojekt zum Thema Pubertät uns in der achten Klasse alles über die Periode erzählt hatte, auch darüber, wie wir »gar nicht mehr zu bremsen« sein würden in unserem »Ganz-wir-selbst-Sein« und vermutlich auch darin, eifrige Käuferinnen vonAlways-Produkten zu werden. Sie händigte damals jeder von uns eine Binde und einen Tampon aus (sollten wir die Sachen dann gleichzeitig verwenden, oder wie?) und meinte, wir sollten beides zusammen mit einer frischen Unterhose in einem extra Mäppchen aufbewahren – für den Tag der Tage, »denn schließlich weiß man nie, wann einen die Eierstöcke damit überraschen, dass man nun eine Frau ist«. Sie versäumte es allerdings, uns vorzuführen, wie gut die Binde oder der Tampon die mysteriöse blaue Flüssigkeit, die wir aus der Fernsehwerbung kannten, dann tatsächlich zurückhalten würden. Sie erklärte auch nicht, warum wir sehr wahrscheinlich einen überwältigenden Drang verspüren würden, augenblicklich Wasserski zu fahren, Fallschirm zu springen oder rollerbladen zu gehen, wie wir es ebenfalls aus der Fernsehwerbung kannten. Kurz: Ich war bestens vorbereitet. Ich wusste haargenau, was zu tun sein würde. Unter einer Bedingung: dass ich meine Periode in der Schule bekäme.

Aber natürlich ging es stattdessen zu Hause los. Quasi als eine Art Metapher für die generelle Kompromisslosigkeit meiner Periode.

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